Was im Leben zählt – zu Gast bei den Amish People (#1)

Stippvisite in eine andere Welt

Knapp eine Woche sind wir von Strom, Internet, Hektik abgekoppelt. Eine unglaubliche Ruhe und Freude erfüllt uns. Für Amish People ist das keine Besonderheit, sondern Alltag. Ihr Leben dreht sich um ganz andere Themen nämlich Glaube, Gemeinschaft und Familie und das scheint glücklich zu machen.

Wir sind zu Gast bei Wayne, Mary und ihrer Familie. In Mary finden wir die gute Seele des Heims und in Wayne jemanden, der Dingen auf den Grund geht. Oft müssen wir wirklich überlegen, was wir auf seine Fragen antworten können. Gleichzeitig dürfen wir ihn mit unseren löchern. Glücklicherweise ist Wayne ein geduldiger und vor allem sehr guter Erklärer.

Nun versuchen wir ein bisschen von dem zu vermitteln, was er uns mitgeteilt hat. Allerdings möchte ich direkt anmerken, dass ich während des Schreibens des Abends Tolstoi gelesen habe. Das hatte vermutlich einen Einfluss auf Artikellänge, Inhalt, Ausschmückungen.

Die drei C’s

Die Amish People folgen einem Leben, das nur ansatzweise etwas mit dem zu tun hat, was wir damals in der Schule im Englischunterricht gehört haben. Amish zu sein, heißt zwar tatsächlich ohne Strom auszukommen (Haus und Hof werden mittels Gaslicht oder batteriebetriebenen, tragbaren Leuchten erhellt, ein Kühlschrank läuft ebenfalls mit Gas), traditionelle Tracht zu tragen und in vielen Fällen als Farmer zu arbeiten. Doch wir dürfen erfahren, dass es vielmehr bedeutet, seinen Fokus auf das Miteinander und die Gemeinschaft zu richten, das, was der Gemeinschaft nicht gut tut, zu unterlassen und füreinander da zu sein.

Insgesamt fußt das Leben der Amishen Gemeinde auf den drei C’s: Church, Community und Children (eigentlich family). Das erinnert mich ein bisschen an die drei K’s der Deutschen: Kirche, Küche, Kinder. Nur mit dem Unterschied, dass sich die K-Aufzählung auf das 50er Jahre Rollenbild deutscher Frauen bezieht und die C-Aufstellung für alle Amsihen gilt. Traditionsorientiert sind jedoch beide gleichermaßen.

Doch schauen wir uns die Church (Kirche), Community (Gemeinschaft) und Children bzw. family (Kinder und Familie) etwas genauer an! In diesem Artikel geht es um das erste C, die Kirche.

Erstes C: Church

Glaube und Historie

Im Zentrum des Lebens der Amish People steht schlicht und ergreifend der Glaube an Gott und Jesus. All ihr Streben, ihr Alltag, die Frage nach dem Warum findet hier ein Ziel, eine Antwort.

Unser Gastvater Wayne erklärt uns: Es gibt zwei Reiche – das des Himmels und das der Erde. In den Himmel will man gelangen und versucht darum, sein irdisches Sein an den Grundlagen der Bibel, des Leben Jesu‘ Christi auszurichten und entsprechend zu handeln. So entsteht eine sehr friedliche, wertschätzende Welt.

Für die Amish People stellt sich im Alter von 18 die Frage, ob sie ihr Leben in der Gemeinde verbringen wollen, ihren Glauben leben und das Gedankengut weitertragen möchten. Bevor also irgendwelche anderen Dinge im Leben wie Ehe oder Beruf entschieden werden, ist die Beziehung zu Gott zu klären. Es folgt die Taufe und die Aufnahme in die Gemeinschaft.

In Europa wurde der Gedanke der Erwachsenentaufe übrigens nicht toleriert. Die Amishe Gemeinde durchlief Jahrhunderte Verfolgung und Vertreibung, obwohl ihre Werte auf Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe beruhen (das geht sogar so weit, dass sie nicht einmal gegen jemanden gerichtlich vorgehen, wenn sie übervorteilt wurden).

Da die Wurzeln in Deutschland und der Schweiz liegen, wird in der Kirche auf Deutsch gesungen und gebetet, die Texte sind in Altgotischen Lettern niedergeschrieben. Als amerikanische Staatsbürger sprechen die Amish People Englisch und als Muttersprache einen Dialekt. Bei unseren Gastgebern ist das Pennsylvanian Dutch. Das verstehen wir sogar manchmal – es klingt ein bisschen wie Schwäbisch.

Schutzwall

Der Priester, der nebenbei einen ganz normalen Beruf ausübt, ist in der Amishen Gemeinde für seine Schäfchen verantwortlich. Ziel ist es, der Bibel und damit Gottes Wort so genau wie möglich zu folgen. Also gilt es in regelmäßigen Abständen zu prüfen, welche (technischen) Neuerungen mit der Bibel konform sind und der bewussten Lebensführung der Gemeinde dienen. Gutes wird integriert, Schlechtes nicht. Auf diese Weise wird ein Schutzwall gebildet, der alles Üble fernhalten soll.

Zum Üblen zählen beispielsweise Alkohol, technische Fahrzeuge, Handys und das Internet. Zwar ist es praktisch oft auch nützlich, an jegliche Informationen jederzeit zu gelangen. Doch hat sich bei uns der Trend entwickelt, dass häufig Kommunikation nur noch mittels Smartphone von statten zu gehen scheint: Obwohl sich Gruppen real treffen, tippen sie wild in ihrem Smartphone herum, kein Wort fällt, doch nach einer bestimmten Daumenbewegung erklingt ein Kichern. Kommunikation ohne wirklich miteinander zu sprechen. Bei den Amishen gibt es das nicht, da sie sich voll und ganz beim Austausch auf ihren Gegenüber einstellen.

Was lasse ich in mein Leben?

Ein Leben in Frieden und gefüllt mit Menschen, Handlungen und Dingen, die mir wirklich wichtig sind, die zur Weiterentwicklung hinführen, das wünsche ich mir. Für die jeweilige Amishe Gemeinde entscheidet der Priester, was gut und richtig ist, was der Schutzwall fernhalten soll, um eben dieses Ziel zu erreichen. Das hat zweifelsohne den Vorteil, dass jedem ziemlich klar ist, was hilfreich und was zu unterlassen ist.

Ich darf für mich selber entscheiden, was ich in mein Leben lasse und was nicht. So bin ich in mancher Hinsicht vielleicht freier und kann Dinge tun, die den Amish People untersagt sind. Z.B. darf ich ein Instrument spielen, ein Handy nutzen, Fotos von meinen Lieben aufnehmen, technische Mittel der Fortbewegung nutzen, eine Motorradreise mit meinem Mann machen. Und gleichzeitig kostet es im Alltag mehr Kraft und Konsequenz, mir selbst eine Richtschnur aus Werten zu spannen und mich daran zu orientieren. Den Amish People hilft hier die Gemeinschaft bei der Einhaltung des eingeschlagenen Weges. Mehr dazu im nächsten Artikel 2. C: Community.

Und was heißt das jetzt für mich?

Der Aspekt des Schutzwalls und der bewussten Lebensausrichtung bzw. -führung hat mich nachdenklich gemacht:

Was bereichert mein Leben und macht mich glücklich?
Was sind meine Werte und Ideale?
Was lenkt von deren Einhaltung ab?

Felicitas

5 Gedanken zu “Was im Leben zählt – zu Gast bei den Amish People (#1)

  1. Anja schreibt:

    Hi! Ich versuche seit Wochen eine Amish-Gastfamilie zu finden. Ich möchte keinen Urlaub machen, sondern das Leben kennenlernen und mitarbeiten. Max. 3-6 Wochen, da ich Kinder habe. Hättet Ihr eine Kontaktadresse? An Amishamerika habe ich mich schon gewendet.

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