Authentische Entscheidungen – eine Dreijährige macht es vor

Neulich hat eine knapp Dreijährigen vorgeführt, dass es eigentlich ganz einfach ist, klar und authentisch in Entscheidungen zu sein. Sie sagt nämlich z.B. sehr konsequent an, wer in ihr Zimmer darf, wer nicht und setzt ungebetene Gäste direkt vor die Tür. Dabei ist es egal, ob es sich um den Kindergartenfreund oder die Großeltern handelt. Sie grübelt nicht lange, ob die Leute wiederkommen, sie noch mögen oder sich darüber beschweren, sondern gibt ihre Meinung kund. Das tolle dabei ist, dass ihre Eltern sie darin unterstützen, ihre eigenen Grenzen zu setzen und zu halten.

Nachdem ich das miterlebt habe, frage ich mich nun: Was laden wir als Erwachsene in unser Leben ein? Und wem oder was schließen wir die Tür vor der Nase zu? Trauen wir uns, unserer Intuition, unseren Wünschen oder Überzeugungen dabei zu folgen? Oder geschieht es manchmal, dass wir Situationen, Konstellationen oder wiederkehrende Begegnungen mit Menschen aushalten, obwohl es nicht (mehr) stimmig ist? Wenn wir immer wieder ja sagen und gleichzeitig nein meinen, haben wir bald keinen Platz und keine Kapazität mehr für das, was uns wirklich wichtig ist. Wir treten auf der Stelle, kommen nicht weiter, engen uns ein.

Ob wir es früher auch gelernt und dann später verlernt haben oder es uns gerade erarbeiten, wünsche ich uns das nötige Feingefühl zu erkennen, was uns gut tut und unser Leben bereichert. Kraft und Mut, entsprechend zu handeln. Und das Vertrauen darin, dass alles gut wird und wir Freiheit gewinnen, wenn wir klar in unseren Entscheidungen sind.

Felicitas



Wünsche für das neue Jahr

Aus gegebenen Weihnachtsanlass melden wir uns nach einer kleinen Berichtspause über unser 15-monatiges-Motorradreise-Abenteuer von Nord-, Mittel- und Südamerika zurück. Wie wir aus Valparaiso in Chile zurück nach Aachen gekommen sind und wie das Einleben hier funktioniert, berichten wir dir natürlich noch, denn das ist ein eigenes Kapitel für sich und das Jahr mit dir als treuem Leser zu verbringen, war uns ein Vergnügen, das wir noch weiterzuführen gedenken.

Anhand der Schreibpause kannst du dir sicherlich denken, dass es für uns eine Umstellung ist, wieder in vertrauten Landen zu sein. Irgendwie erscheint alles bekannt und doch ganz anders. Was sich hingegen nicht verändert hat, sind die von mir heißgeliebten Weihnachtstraditionen. Und diese erstrahlen in einem noch leuchtenderen Licht. Doch höre selbst!

Weihnachtsfreuden von Tequila bis zu Bachs Weihnachtsoratorium

Letztes Jahr haben wir die Festtage mit einer mexikanischen Familie verbracht, die uns an einem entlegenen Strand traf und befand, dass wir die Feiertage mit ihnen verbringen sollten, wenn unsere eigenen Eltern und Geschwister schon so weit entfernt sind. Da saßen wir damals bei Grillparty mit Tacos und Tequila. Zurück in Deutschland weht uns dieses Jahr sehr zu meiner Freude seit September der Duft von Zimtsternen und Stollen um die Nase, der Tannenbaum steht seit zwei Wochen festlich geschmückt, überall funkelt es golden und glitzernd zwischen den ganzen Kerzen. Ach, herrlich!

Und dann kommt das Highlight: Bachs Weihnachtsoratorium!

Seit Ewigkeiten lädt der Overbacher Kammerchor ehemalige Sänger und Musiker ein, dieses Wunderwerk der Musik am vierten Advent zu zelebrieren. Und so freue ich mich auch dieses Jahr, wieder dabei zu sein. Zur Feier des Tages wird die daheim stehende Bach-Büste mit einer Lichterkette umwickelt, Maria (Andreas‘ Schwester und eine meiner liebsten Freundinnen) und ich stehen wie immer nebeneinander wie die Weihnachtsengel im Chor und jubilieren in den höchsten Tönen (ja, wirklich hoch, denn der Sopran geht bis zum A), der Chor schwelgt in den Läufen, das Orchester glänzt, die Solisten brillieren und das Publikum wird auf Weihnachten eingestimmt.

Bach thront bei uns daheim nebst Mönch und Tropenpflanze.

Und dann passiert es. Bei einer Arie mit Basso Continuo Begleitung vibriert auf einmal das Podest. Die tiefen Klänge bringen nicht nur das Holz in Schwingung, sondern den ganzen Körper – so als ob das, was hier verkündet wird jede Zelle erfüllen soll. Und das tut es.

Ganz klare Aufforderung: „Jauchzet, frohlocket!“

Die Musik und Texte finden ihren Weg vom Papier über die Musik direkt ins Herz. Und was mich so bewegt hat, davon möchte ich jetzt erzählen. Hör dir dazu das erste Chorstück aus dem Weihnachtsoratorium an, das allseits bekannte und beliebte „Jauchzet, frohlocket!“.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=xNj_QsC81_8&w=560&h=315]

Jauchzet, frohlocket! Auf, preiset die Tage,
rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!
Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören,
lasst uns den Namen des Herrschers verehren!

Weihnachtsoratorium

Die Aufforderung ist ganz klar: Freue dich, jubiliere, sei voll von Fröhlichkeit. Höre auf zu hadern, zu meckern, zu schimpfen.

Und warum sollte ich das tun? Der eine Typ hat mir vorhin beim Einkaufen den Parkplatz weggeschnappt, puh, alles ist so anstrengend, es muss noch geputzt werden, es ist kalt, der Kollege nervt, trotz Weihnachtszeit gibt’s Uneinigkeit in der Familie, eine Erkältung ist auch im Anflug, außerdem war ich vorhin nicht so nett wie ich es hätte sein können, das muss doch besser gehen, geliebte Menschen sind nicht mehr da, Freunde sind ernstlich erkrankt.

Na, kommt dir irgendwas davon bekannt vor?

Das Gedankenkarussel rotiert und ganz schleichend liege ich mit mir, mit meinen Mitmenschen, der Welt im Allgemeinen im Klinsch. Die Gedanken sind wie vergiftet, ich fühle mich auch schon richtig mies. Und nun soll ich mich freuen? Wie absurd! Für Freude, ja gar Frohlocken ist doch überhaupt kein Platz. Und überhaupt, woran soll ich mich denn in meinem Jammertal erfreuen?

In der christlichen Tradition heißt es, dass Gott seinen Sohn in die Welt schickt, um diese zu erlösen und damit all das Zagen, die Verzweiflung, die Qual, die kein Ende zu nehmen scheinen, zu beenden. Einfach so, damit es uns Menschen gut geht.

Diesen Gedanken finde ich tröstlich. Stell dir vor, es gibt einen Lichtblick. Hoffnung. Egal, wie schlimm es gerade sein mag, wie auswegslos, wie verzweifelt. Ist das nicht ein Grund zur Freude?

Widerwillige Erkenntnis – „Das Geschenk“ von Tocotronic

Wer die frohe Botschaft lieber in weltlichen Worten vernehmen möchte, gäbe es noch etwas anderes im Angebot und zwar von meinen Jugendhelden Tocotronic. 

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=i7m8pVwJ8tc?start=200&w=560&h=315]

Man gab mir soeben das Geschenk meines Lebens.
Das Wissen von einem Ende der Nacht.
Ich war widerstrebend,
doch es blieb an mir kleben
als hätte es einer an mir festgemacht.

Tocotronic

Es erscheint mir, dass wir Menschen schlicht und ergreifend mehrmals in unterschiedlichen Sprachen, ja sogar mit Engelszungen redend daran erinnert werden müssen, dass es Trost, Freude, Hoffnung in unserem Leben gibt. Zumindest geht es mir so.

Das Licht am Ende des Tunnels

Diese musikalische Botschaft sinkt nach der Reise noch einmal ganz anders ein als all die Jahrzehnte zuvor und erfüllt mich nun wirklich mit Freude. Denn, auf der Reise habe ich außerhalb meiner Komfortzone oft genug erlebt, dass egal in was für einer furchtbaren und teilweise wirklich heiklen bis hin zu sogar fast lebensbedrohlichen Situation Andreas und ich uns befanden, mir immer klar war, dass es eine Lösung geben wird. Sozusagen leuchtete das Licht am Ende des Tunnels immer ganz kräftig und das hat Mut gemacht.

Doch hier im überschaubaren und vergleichsweise sicheren Alltag erlebe ich diese Gewissheit deutlich seltener, verzage deutlich schneller und brauche eben die Erinnerung an das, was ich noch vor Kurzem so präsent hatte.

Wünsche für das neue Jahr

Und so wünsche ich dir, mir und uns allen für das kommende neue Jahr Vertrauen und Zuversicht in herausfordernden Situationen. Worte, die uns Trost spenden. Musik, die das Herze wärmt. Jeden Tag einen Grund zu lachen. Freunde, die uns wieder auf die Spur bringen. Fröhlichkeit. Erfahrungen, die uns zeigen

Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.

Oscar Wild über anonym zugesprochen bis hin zu einer indischen Weisheit

Felicitas

P.S.: Damit du so eine Idee hast, in welchen Situationen ich trotz der Umstände stets das Gefühl hatte, dass es einen guten Ausgang geben wird, auch wenn ich in dem Moment noch nicht wusste, wie das möglich sein sollte, hier eine kleine Auswahl:

  1. unsere Fahrt mit kaputter Fußraste zum Vulkan Telica in Nicaragua
  2. wie wir vom Wind in Mexiko von der Straße geweht wurden
  3. die kaputte Kupplung auf dem Salar de Uyuni
  4. unsere Passüberquerung im bolivianischen Winter.

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Chile – im Reich der Sterne

Endlich in San Pedro de Atacama! Nach den frostigen Monaten in den Anden ist die Atacamawüste ein wahrer Strandurlaub. Sand gibt es in rauen Mengen soweit das Auge reicht und zumindest tagsüber kann man im T-Shirt Sonne tanken. Aber das Beste ist, dass wir endlich wieder auf „normalen“ Höhenmetern unterwegs sind. Die Stromsis tuckern gefühlt mit doppelter Motorleistung wieder munter am Gas und auch wir sind abends nicht völlig fertig, als wir unsere Einkäufe vom Supermercado zu unserem Zeltplatz schleppen.

Nach der Einsamkeit und Abgeschiedenheit der letzten Wochen kommt uns das doch sehr touristische San Pedro ein bisschen unwirklich vor. Überall stapfen gut gestylte Backpacker mit Sonnenbrille und Flip Flops durch die staubigen Gassen, wo vor jedem zweiten Schaufenster mal mehr mal weniger aufdringlich für die Attraktionen des Umlands geworben wird. Von Geysiren mit Flamingos bis zu astronomischen Exkursionen ins Reich unseres Sonnensystems und der Milchstraße wird alles geboten.

Froh, endlich wieder in der Zivilisation angekommen zu sein, genehmigen wir uns zwei maßlos überteuerte Cappuccinos mit französischen Croissants und verdauen unser vorheriges Abenteuer in den winterlich mit Schnee überzogenen Pässen Boliviens.. Obwohl mir ein Tourguide in den Bergen mit Flickzeug ausgeholfen hatte, zumindest das größte Loch in meinem Vorderreifen zu flicken, können wir so nicht weiterfahren. Unsere beiden Vorderreifen verlieren Luft und müssen alle halbe Stunde wieder aufgepumpt werden. Auf den sandigen bolivianischen Pisten war das die letzten Kilometer nicht weiter tragisch, mit höherem Tempo auf Asphalt hier in Chile sind die Lenkeigenschaften aber doch etwas gefährlich.

Während sich Felicitas ums Wäschewaschen kümmert (jetzt haben die nassen Klamotten auch endlich wieder eine Chance zu trocknen), mache ich mich auf zum örtlichen Reifenflicker. Sein Hof ist ringsrum meterhoch mit alten Reifen gesäumt, auch in der Mitte türmt sich ein Labyrinth aus Gummisohlen für Mopeds, Autos, Jeeps und LKW. Ich parke in der Einfahrt auf dem Hauptständer, klemme zur Stabilisierung ein paar herumliegende Steine unter den Unterfahrschutz meiner V-Strom und baue in neuer Rekordzeit mein ramponiertes Vorderrad aus. Mehrere wartende Männer schauen mir interessiert zu, während drei Mechaniker ihre Jeeps wieder flott machen. Platte Reifen sind hier an der Tagesordnung, erfahre ich von einem redseligen Franzosen, der auf sein Wohnmobil wartet. Das Vulkangestein schneidet einfach alles durch. Kurz darauf winkt mich ein Mechaniker heran. Erleichtert verabschiede ich mich von der Quasselstrippe und entkomme nur knapp dem nächsten Redeschwall voller Tipps, die mein Leben sicherlich auf ein neues Level gehoben hätten.

Der Mechaniker pumpt mein Vorderrad auf, aus dem man sogleich nichts Gutes verheißendes Zischen hört. Eine Badewanne steht zur Lecksuche mit Wasser bereit, in die er kurz darauf meinen Reifen hält. Leider ähnelt mein untergetauchtes Vorderrad eher einer Multivitamin-Brausetablette im Wasserglas. Zwanzig oder dreißig Löcher sind da bestimmt drin, also nix mit Flicken. Einen Schlauch hat er auch nicht, da müssten wir schon noch hundert Kilometer nach Calama fahren, da gäbe es Motorradgeschäfte. Immerhin hat er eine neue Ventlikappe für mich, da ich meine wohl beim letzten Aufpumpen irgendwo im Schlamm verloren habe. Unzufrieden baue ich meine V-Strom wieder zusammen und fahre zurück zum Zeltplatz. Wenigstens sind es NUR hundert Kilometer bis zu einer größeren Stadt und es gibt eine vernünftige Straße. Dann besichtigen wir die Atacamawüste eben mit einem der abertausend Touranbieter im Bus. Ist ja vielleicht auch nicht schlecht, sich mal herumkutschieren zu lassen und sich um nichts kümmern zu müssen.

Wir buchen eine Sunset-Tour zum Valley of the Moon und für die Nacht einen Sternen-guck-Ausflug. Schließlich ist die trockene Atacamawüste berühmt für Himmelsbetrachtung. Kein Dunst, keine störende Städte mit Light-Pollution. Wir sind gespannt auf unsere Ausflüge. Wie sich kurz darauf herausstellt, hätten wir heute eh nicht weiterfahren können. Es hat wieder geschneit und der Pass nach Calama ist zu. Es passt mal wieder alles zusammen.

Chile, San Pedro de Atacama, Schnee, Valle de la Luna, Vulkane, Wüste_DSCF1860_1180

La Valle de la Luna: Das Tal des Mondes sieht so aus, wie es heißt.

Nach unseren jüngsten Eskapaden in Bolivien kommt uns dann das Tal des Mondes leider doch ein bisschen langweilig vor. Wir schlurfen in einer Traube von Touristen durch die Dünen, knipsen die obligatorischen Fotos, harren auf den Sonnenuntergang und rasen im durchgetakteten Zeitplan der geschäftstüchtigen Reisunternehmer im Minibüschen durch die Nacht zur nächsten Veranstaltung. Die ist dann deutlich mehr unser Geschmack: mit Laserpointer lassen wir uns die Sternbilder der südlichen Hemisphäre erklären und durch gewaltige Teleskope bestaunen wir die Ringe von Saturn und die Monde von Jupiter. So nah haben wir uns den Sternen – und unseren Nachbarplaneten noch nie gefühlt. Besonders die Planeten unseres Sonnensystems mit eigenen Augen zu betrachten, ist ein magischer Moment. Der Kosmos ist auf einmal zum Greifen nah. Schade, dass man zu hause in Deutschland davon einfach gar nichts mitbekommt. Glücklich fallen wir spät in der Nacht in unsere Schlafsäcke. An dieses Erlebnis werden wir uns noch lange erinnern.

Am nächsten Morgen haben wir Glück: der Pass soll geräumt sein. Also packen, Reifen aufpumpen, tanken, Reifen aufpumpen, losfahren, Reifen aufpumpen. Die Intervalle, nach denen wir wegen Unfahrbarkeit unsere Motorräder auf dem Seitenstreifen zum Stehen bringen müssen, werden immer kürzer. Ziemlich schnell finden wir heraus, dass es sich mit plattem Vorderreifen bei 70 km/h viel besser fährt als mit 30. Wenn man schon eh nicht lenken kann, dann wenigstens so schnell fahren, dass man auch nicht lenken muss.

Die Aufpumpintervalle liegen bei weniger als fünf Minuten, als wir genervt und eine gefühlte Ewigkeit später Calama erreichen und bei der Werkstatt von Pro Motos Castillo anhalten. Wir werden freundlich mit Café empfangen und es gibt tatsächlich zwei passende Schläuche für uns! Sogar von einem deutschen Hersteller, wie uns begeistert berichtet wird – nämlich von Heidenau. Die Mechaniker ziehen uns kostenlos die Schläuche ein, waschen uns Staub und Schlamm von den Töffs.  Wenig später können wir endlich wieder das Motorradfahren genießen.

Und dann wird es auch schon wieder Zeit, ein schönes Plätzchen zum Zelten zu finden. Aber das, liebe Leser, ist in der Atacama Wüste nicht schwer.

Atacama Wüste, Chile, Milchstraße, Nacht, Zelten_DSCF1945_1180

Die Atacama Wüste – ein Traum aus tausend und einer Nacht. Über uns die Sterne, unter uns der Sand, um uns nichts als Weite und Unendlichkeit.

Andreas


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Mit dem Motorrad im Winter über die Lagunas Route von Uyuni nach San Pedro de Atacama

Bolivien, du bist so wunderbar! Im Sommer tust du gut, im Winter tut’s weh. Ratzifatzi entwickelt sich Bolivien zu dem Land mit der höchten Abenteuerdichte unserer Reise.

  1. Wir überleben die Death Road trotz ihres Namens.
  2. Die Kupplung von Sir Bumblebee geht in der Pampa inmitten von Sanddünen in die Fritten.
  3. Wir schleppen uns 100 km durch Salzmatsch über den Salar de Uyuni ab.
  4. In Bolivien gibt es keine V-Strom. Ersatzteile müssen aufwenig gefunden & importiert werden frei nach dem bolivianischen Motto „Alles ist möglich. Nichts ist sicher.“
  5. Wir fahren die Lagunenroute entlang und bleiben im Schnee stecken.
  6. An der bolivianischen Grenze nach Chile gibt es keinen Zoll zur Mopedausfuhr. Wir haben die Wahl: Wegegeld zahlen oder 80 km durch den Matsch zurück.
  7. Der Grenzposten nach Chile will uns nicht passieren lassen und uns durch den Matsch in die Wildnis zurückschicken.
  8. Es ist Winter & entsprechend kalt. Trotzdem gibt es nirgendwo eine Heizung.
  9. Es gibt, sofern überhaupt fließendes Wasser die Leitung verlässt, nur eiskaltes. Duschen wird zur Mutprobe.
  10. Wir schlafen mit Mütze.

So, und nun, werter Freund, komm mit zu unserem finalen Bolivien-Abenteuer: Die Lagunenroute im Schnee mit Passüberquerung nach Chile. Wir beginnen in Uyuni (Bolivien) und kommen nach drei Tagen des Nervenkitzels in San Pedro (Chile) an.

Von Uyuni nach Villa Mar

Wer Bolivien kennen lernen möchte, für den führt kein Weg an der berühmten Lagunenroute vorbei. Sie schlängelt sich im Westen Boliviens durch die menschenleere Wildnis des Altiplanos entlang farbprächtiger Lagunen mit Flamingos (!!!). Dieses Spektakel wollen wir uns natürlich auch nicht entgehen lassen. Neben ihrer einmaligen Schönheit ist die Lagunenroute aber auch für ihre anspruchsvollen offroad-Passagen berüchtigt. Die Meinungen über deren Passierbarkeit auf Motorrädern reichen von der „gar-kein-Problem-Lagerfeuerbier-Einschätzung“ bis zum „unfahrbar-seid-ihr-irre-Killerweg-Statement“. Wir dürfen also gespannt sein.

Da wir der neuen Kupplung mit den alten Federn bei Sir Bumblebee nicht ganz vertrauen und keinesfalls wieder im Nirgendwo stecken bleiben wollen, suchen wir nach einer passierbaren Strecke für uns. Das Wetter ist zum Glück seit einigen Tagen trocken, mit Schlamm brauchen wir also nicht zu rechnen. Der Pass nach Chile soll auch frei sein. So sagen unsere Freunde in Uyuni. Also los.

Um das Altiplano rund um die Lagunen zu besichtigen, gibt es unzählige Routenmöglichkeiten, die an unterschiedlichen Sehenswürdigkeiten vorbeiführen – und auch unterschiedlich schwer zu fahren sind. Um das Risiko für uns und die Motorräder so gering wie möglich zu halten, entscheiden wir uns schlussendlich für die östliche Route. Von Uyuni wollen wir über die gut ausgebaute Piste 701 zunächst bis zur letzten Tankstelle vor Chile in San Cristobal und dann weiter bis Alota fahren. Hinter Alota geht es links auf den Camino a Villa Mar y Laguna Colorada, eine knapp 200 km lange, sandige Wellblechpiste. Auch wenn wir so einige Lagunen und den berühmten Arbol de Piedra nicht sehen werden, führt uns die Strecke trotzdem zu einigen großen Heighlights, darunter die berühmte Laguna Colorada, heiße Quellen und ein weiterer Salzsee.

[googlemaps https://www.google.com/maps/d/embed?mid=1_Zx6dbE7RppKOQd0qUO7fBM4eZiTmvNx&w=640&h=480]

Von Uyuni bis Alota würden wir die Hauptstraße 701 als angenehm zu bereisen beschreiben. Doch danach fängt der große Fahrspaß an. Auf Google Maps kann man sich ab hier gar nicht verlassen, der Weg, der zu den Lagunen führen soll, ist hier nämlich unbekannt. Maps Me ist da schon besser informiert und gibt auf der Offlinekarte darüber Auskunft, dass es noch 49 km von Alota bis Villa Mar und dem Hostal Piedrita sind, wo wir die erste Nacht verbringen wollen.

Bolivien, DL650 V-Strom, Laguna Route, Motorradweltreise, offroad, San Pedro de Atacama, Sand, TKC70, Touratech, Uyuni_S10C0031_1180

Noch reist es sich mi über 70 km/h hervorragend: die Piste 701 ist frisch gewalzt.

Fahrt durch den Tiefsand mit dem TKC70

Doch anstelle der von Maps Me veranschlagten 45 Minuten plagen wir uns gute drei Stunden durch den tiefen Sand. Der hindert allerdings weder Jeeps noch LKW daran, in Highspeed an uns vorbeizufahren und mit Staubwolken unsere Sicht schwinden zu lassen. Wenn die wenigstens alle in Reihe fahren würden, würden sie eine Fahrspur für uns plätten, aber so…

Wir lassen den Reifendruck ab. Anstelle der 2,6 bar vorne und 3,0 hinten sind die TKC70 nun mit 1,5 bar vorne und 1,8 bar hinten befüllt. Die größere Auflagefläche hilft wirklich im Tiefsand. Und wir sind wieder einmal von unseren Reifen beeindruckt, weil sie sogar in diesem Gelände super Traktion haben.

Hostels in Bolivien

Wir zählen die Kilometer runter und kämpfen nun direkt mit zwei Endgegnern: der miesen Strecke und der Zeit, denn gleich geht die Sonne unter und sobald die weg ist, wird es empfindlich kalt, um nicht zu sagen eisig. Brr.

Als wir irgendwann im Dunkeln schlotternd das Hostel erreichen, sind wir durchgefroren – und bleiben es auch. Es gibt nämlich prinzipiell keine Heizung, dafür aber ein paar dünne Decken. Her also mit der plüschigen Alpaka-Mütze und dem Handwärmer mit Kohlestäben.

Mit der V-Strom und dem TKC70 über die Wellblechpiste

Am nächsten Morgen ziehen wir Bilanz. Unser Resume des Vortages: 49 km durch den Sand in 3 Stunden. Prognose für den heutigen Tag: 201 km inklusive Pass- und Grenzüberquerung = ein nahezu unmögliches Unterfangen. Doch was wäre die Reise ohne diesen gewissen Nervenkitzel?

Also ab die Post. Es wird echt mühselig, denn weitere tiefe, sandige Passagen wechseln sich mit fetten Steinen und Geröll auf dem Pfad ab. Doch auch auf diesem anspruchsvollen Untergrund können wir uns auf den Grip des TKC70 von Conti voll verlassen! Nur gut, dass die Landschaft so unglaublich schön ist. Das hebt die Laune.

Die Laguna Colorada

Die Lagunenroute führt durch den Nationalpark Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Avaroa. Um die ganze Pracht bestaunen zu können, müssen wir saftige 150 BOL (ca. 18€) pro Person Eintritt an einem Pförtnerhäuschen bezahlen. Der Wächter händigt die Tickets aus und lässt uns die Schranke passieren. Er betont dabei, wie wichtig es sei, das Ticket griffbereit zu haben. Was er hingegen verschweigt, sind die kommenden Streckenverhältnisse…

Wir holpern also weiter durchs Gelände und visualisieren zur Motivationssteigerung die rosa Flamingos an der Laguna Colorada. Die soll besonders schön sein und in einem strahlenden Rot leuchten. Mit diesem Ziel vor Augen fährt es sich deutlich leichter.

Die Strecke besticht unverändert durch ein Wechselspiel aus Wellblech, Tiefsand und Geröll. Parallel zieht sich immer mehr der Himmel zu. Als wir endlich die sagenumwobene Laguna Colorada erreichen, ist es lausig kalt und grau. Von Flamingos keine Spur. Von anderen Lebewesen auch nicht. Die Lagune ist momentan so farbprächtig wie ein heimischer Sumpf im November. Ganz zauberhaft!

Bolivien, DL650 V-Strom, Laguna Route, Laguna Colorada, Motorradweltreise, offroad, San Pedro de Atacama, Sand, TKC70, Touratech, Uyuni_S10C0137_1180

Nix mit tollen Farben der Laguna Colorada und Flamingos: Alles steckt in usseligen Wolken.

Wetterumschwung im bolivianischen Hochpleateau

Aufgrund des Wetters- und der Wegverhältnisse beschließen wir, dass wir doch keine Pause an der Lagune brauchen und halten uns weiter ran. Unseren Plan, heute bis nach Chile zu fahren, haben wir über Bord geworfen. Wir wollen einzig und allein den bevorstehenden Pass überqueren und es bis zum Hostel in Termas de Boleques an den heißen Quellen der Laguna Chalviri schaffen. Trotzdem sind es nach einem halben Tag Gequäle immer noch 60 km to go und wir haben nur noch 4 Stunden bis die Sonne untergeht. Au Backe. Hatten wir gestern das Gefühl von Zeitdruck, wird es jetzt noch schlimmer, denn bei nächtlichen Temperaturen von -25 °C fällt notzelten auf dem Pass als Plan B flach.

Weiter geht es also. Wir sehen schon das Hochplateau und dahinter soll der Pass auf 5.000 Meter N.N. sein. Über unser Sena 10c Headset sprechen wir uns gegenseitig Mut zu. Denn jetzt zieht es sich abeneuergeschichtsmäßig richtig zu, vereinzelte Schneeflocken wehen uns drohend um die Nase und verkünden das nahende Ende unseres noch so jungen Lebens.

Allein bei zugeschneitem Weg auf dem bolivianischen Hochpleateau

Ich spüre meine Finger schon jetzt kaum noch. Es kann also nur noch besser werden, denke ich. – Und dann verschwindet plötzlich die Piste unter Schneebergen. Da kommen wir mit den Mopeds auf gar keinen Fall durch! Mist. Und jetzt?

Jetzt kostet es wirklich Anstrenung, die Gedanken auf das Erreichen des Hostals zu fokussieren und sich trotz der etwas unangenehmen Lage nicht mit Endzeitstories zu verlieren.

Wir lassen das Theme von Indiana Jones in unserem Kopf erklingen, senden Stoßgebete gen Himmel, verlassen die Straße – und brettern bergauf drauf los. Wenn ich vorher dachte, ich fahre über Steine, kann ich jetzt nur sagen: weit gefehlt. Hier liegen fette Brocken rum umgeben von Matsch und Schnee.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=-bTpp8PQSog?rel=0&w=560&h=315]

Spurenlesen

Mittlerweile haben wir die Streinbrocken überlebt, pflügen uns durch einen Acker und halten uns an Reifenspuren, die Einheimische mit ihren Karren einmal hinterlassen haben als sie hier langfuhren. Nur leider enden die Spuren oft einfach irgendwo im Schnee. Langsam wird es echt nervenaufreibend. Hier oben würde es eigentlich einen normalen Weg geben – sogar einen laut Navi besser ausgebauten – und genau dieser ist einfach zugeschneit.

Doch irgendwie geht es immer weiter. Muss es. Jeder Meter zählt!

Bolivien, DL650 V-Strom, Laguna Route, Motorradweltreise, offroad, San Pedro de Atacama, Sand, Sena 10c, TKC70, Touratech, Uyuni_S10C0168_1180

Aus dem Regen in die Traufe: Durch den Schnee über den Hubbel geht es in die nächste Spurrille – und das Moped kippt um. Wann kommen wir endlich an??

Irgendwann stehen wir inmitten überfrorenen Gesteinfeldes und haben keine Ahnung, wo es langgehen könnte, weil um uns herum nur noch Schnee zu sehen ist. Als die Moral der Truppe den Tiefpunkt erreicht, taucht plötzlich – wie in jedem guten Abenteuerfilm im kritischen Moment – eine Reihe von fünf Jeeps aus dem Nichts auf. Die Fahrer halten und wollen wissen, ob alles okay ist. Gleichzeitig schauen Touristen neugierig aus den vollgepackt es Geländewagen auf uns und versuchen herauszufinden, was wir denn hier so treiben.

Über den Pass zwischen Bolivien und Chile im Schnee

Die Fahrer wollen vorfahren, wir sollen als Korso folgen. Doch leider sind die fünf mal so schnell wie wir. Sie brettern also weiter, doch glücklicherweise hinterlassen sie eine Spur, der wir in der Hoffnung folgen, die Schneewehen zu umfahren und irgendwann auf die Straße zu gelangen.

Zwischenstand: Noch 30 km. Immer noch Schnee. Eine Stunde bis es ganz dunkel wird.

Während wir uns das Mantra „Ich kann es! Ich will es! Ich tue es!“ aufsagen, mobilisieren wir die letzten Kräfte.

Jetzt gilt es, die Piste zu erreichen, bevor wir nichts mehr sehen können und uns heillos verfahren. Schnell noch ein paar Stoßgebete gen Himmel geschickt. Und dann: Unser Wunsch wird erhört. Bei dem unglaublichsten Sonnenuntergang, den wir jemals gesehen haben, stoßen wir auf eine Staubpiste. Erleichterung macht sich breit. Nur noch 25 km und wir sind am Ziel.

 

Jetzt gilt es, die Piste zu erreichen, bevor wir nichts mehr sehen können und uns heillos verfahren. Schnell noch ein paar Stoßgebete gen Himmel geschickt. Und dann: Unser Wunsch wird erhört. Bei dem unglaublichsten Sonnenuntergang, den wir jemals gesehen haben, stoßen wir auf eine Staubpiste. Erleichterung macht sich breit. Nur noch 25 km und wir sind am Ziel.

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Unsere Passüberquerung erreicht ihren Höhepunkt.

Rettung durch die Guides von Red Planet Expedition

Die Piste ist schneefrei und auch in der Nacht ohne Probleme befahrbar. Doch jetzt stellen wir fest, dass wir beide einen Platten haben. Fix packen wir den Airman aus, pumpen die Reifen auf und weiter gehts.

Plötzlich taucht ein Licht vor uns auf. Das Licht am Ende des Tunnels? Fast. Ein fetter Jeep hält vor uns. Die Guides und Fahrer von Red Planet Expedition, die wir vor drei Stunden in den Bergen getroffen haben, steigen aus. Sie sind zurückgekommen um zu sehen, wo wir  bleiben und uns retten kommen. Sie haben sogar heißen Tee mit.

Herzliches Willkommen im Hostal

Für uns ist es schon eine wahre Erleichterung, dem Auto mit den Helfern einfach zum Hostal hinterherzufahren. Sie lotsen uns in einen erwärmten Raum, in dem ihre Touristen gerade zu Abend essen. Sobald wir eintreten, klatschen diese wild los! Stell dir das mal vor. Alle erkundigen sich nach unserem Wohlbefinden, reichen warme Handschuhe und wollen wissen, ob sie noch was für uns tun können.

 

Für uns ist es schon eine wahre Erleichterung, dem Auto mit den Helfern einfach zum Hostal hinterherzufahren. Sie lotsen uns in einen erwärmten Raum, in dem ihre Touristen gerade zu Abend essen. Sobald wir eintreten, klatschen diese wild los! Stell dir das mal vor. Alle erkundigen sich nach unserem Wohlbefinden, reichen warme Handschuhe und wollen wissen, ob sie noch was für uns tun können.

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Wir alle strahlen – unsere einheimischen Retter Francisco und Carlitos strahlen für ihre Kollegen  Marcial, Jasmari, Ivan und Israel von der Red Planet Expedition mit.

Die Guides organisieren uns einen Tisch während unsere Hände am Heizpilz langsam auftauen. Wir werden umsorgt mit heißem Tee, der besten Suppe, die wir jemals probiert haben, und Pasta mit Hühnerbein.

Fix und fertig und gleichzeitig dankbar dafür, das Abenteuer Passüberquerung im Schnee überlebt zu haben, gehen wir direkt schlafen. Natürlich wieder ohne Heizung. Nur gut, dass wir gen Atacamawüste fahren, da wird es hoffentlich wärmer.

Schlauchlose Reifen wechseln on the Road

Am nächsten Morgen starten wir frohen Mutes. Nur noch 100 km bis San Pedro de Atacama. Doch wir haben die Rechnung ohne die Vorderreifen gemacht – die sind nämlich beide komplett platt. Beide sind mit vielen kleinen Löchern durchsiebt. Na super. Im Ort (also den zwei Häusern) gibt es keine Werkstatt, also müssen wir wohl oder übel es mit den Reifen bis nach San Pedro schaffen.

Andreas‘ Reifen beherbergt dazu noch ein fettes Loch, das er mit Pilzen flickt. Die haben bisher immer gute Dienste getan. Doch nach nur 200 Metern fahren stellen wir fest, dass diese Erste Hilfe Maßname nicht ausreicht. Und nun? So kommen wir nicht weit.

Glücklicherweise sind wir an den heißen Quellen, einem beliebten Tourziel. Und glücklicherweise treffen wir hier eine lange Reihe von Tourjeeps an. Alle bis an die Zähne mit Werkzeug ausgerüstet. Schließlich will keiner mit einer Horde Touristen im Anhänger hilflos in der Pampa stecken bleiben.

Auch diese Tourguides entpuppen sich als äußerst hilfbereit – sie leihen Werkzeug, reichen einen riesigen Flicken für den Reifen und helfen mit, den Schlauchlosreifen von der Felge zu bekommen. Drei starke Männer braucht es hierfür. Das geht bei Reifen mit Schlauch deutlich einfacher. Egal. In Rekordzeit ist der Reifen geflickt und wird wieder anmontiert – da alles sehr schnell gehen muss, leider entgegen der Laufrichtung. Na ja, Hauptsache, wir können fahren.

Bolivianische Grenzbeamte ganz entspannt

Obwohl das schlimmste Loch jetzt geflickt ist, müssen wir trotzdem alle 20 km anhalten, um Andreas‘ Reifen wieder aufzupumpen. Ehrensache, dass die Straße wieder nur aus Sand, Geröll und Wellblech besteht. Jetzt kommt noch neu hinzu: Matsch. Wenigstens ist jetzt ein platter Reifen von Vorteil. Noch nie sind wir so entspannt durch den Modder gelangt. Wir können sogar die Fahrt entlang der wunderschönen Laguna Blanca genießen.

Als wir uns bis zur Bolivianischen Grenze (bestehend aus einer Bruchbude) gekämpft haben teilen uns die Grenzbeamten mit, dass es hier keinen Zoll gäbe und wir 80 km zurück müssten, um unsere V-Stroms ausführen zu können. Ähm. Nee. Keine Option für uns. Haben sich die Bolivianer auch gedacht und bieten an, für uns die Papiere für 20 USD rüberzufahren. Faires Angebot.

Fünf Minuten später heißt es ein letztes Mal ab durch den Matsch. Und dann, sobald wir Chilenischen Boden erreichen, befinden wir uns seit Wochen auf der ersten, asphaltierten Straße. Sie ist sogar geräumt! Wahnsinn.

Chilenisches Grenzspektakel

Die Asphaltstraße führt zu einem modernen Riesengebäude mit großer Toreinfahrt. Drinnen erwarten uns mehrere Busse voller Touristen, die auch nach Chile einreisen wollen, und fließend warmes Wasser. Alles wirkt organisiert und sturkturiert. Das ist seltsam. Seit Mittelamerika haben wir an jeder Grenze Geldwechsler angetroffen, Frauen mit Ständen, die leckere Düfte vertströmten, und ein buntes Treiben aus Menschen mit traditioneller Kleidung. So nicht hier.

Der Interpol-Beamte erklärt rundheraus: Er habe jetzt Mittagspause. Wir können nicht rüber. Nach seiner Mittagspause überlegte er sich, dass er doch jetzt die Grenze für heute komplett schließen wolle und wir nach Bolivien zurück müssten. Als wir uns davon nicht abschrecken lassen, versucht er es mit der Ausrede, dass die Straße nach Chile voller Eis und Schnee wäre. Schlimmer als unsere Passeskapade kann es auf asphaltierter Straße nicht werden. Andreas nervt ihn weiter. Langsam dämmert es dem Grenzbeamten wohl, dass wir hier nicht weggehen. Es hilft, dass die 30 anderen sich auch nicht zurückschicken lassen wollen.

Er lässt sich also erweichen und lässt uns „auf eigenen Gefahr“ einreisen.

San Pedro

Als wir das Grenzgebäude verlassen, suchen wir vergeblich die katastrophalen Straßenbedingungen. Der Asphalt ist frei, die breite Fahrbahn führt in angenehmer Streckenführung den Berg herunter.

Es ist ein seltsames Gefühl, ohne genauer auf die Straßenbeschaffenheit achten zu müssen, bei 80 km/h ganz entspannt fahren zu können. Wir wissen nicht, wann wir das zum letzten Mal erlebt haben. Vermutlich in den USA.

Chile, DL650 V-Strom, Laguna Route, Sena 10c, Shoei, Stadler, TKC70, Touratech_S10C0022_1180

Nix mit gesperrtem Pass: Warum uns der Grenzbeamte nicht nach Chile einreisen lassen wollte, wird für immer ein Rätsel bleiben.

San Pedro begrüßt uns mit Wärme, Wüste und Ruhe. Wir erholen uns jetzt erst mal und werden einen Schlauch in den Vorderreifen einziehen lassen, damit wir bis nach Valparaiso zum Verschiffen kommen.

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Nach drei Tagen Dauerstrapaze dürfen wir endlich unser Zelt in San Pedro de Atacama aufstellen – und wie die anderen Zelte vermuten lassen: Es ist warm!!

Fazit: Abenteuer in Filmen oder Büchern mitzuerleben und mit den Helden mitzufiebern, ist etwas ganz anderes, als selbst in einem zu stecken. Doch sowohl in Fiktion und Realität gibt es eine Gemeinsamkeit: Es gibt ein gutes Ende!

Felicitas


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V-Strom Kupplung reparieren – in Bolivien

Es hätte kaum einen schlechteren Zeitpunkt für das Versagen der Kupplung von Felicitas‘ DL650 V-Strom auf unserer Motorrad-Weltreise als in Bolivien geben können. Aber bekanntermaßen kommen ja immer mehrere ungünstige Faktoren zusammen, damit größere Probleme entstehen. In unserem Fall heißen diese: Kupplung geht im Nirgendwo in die Fritten, ungewöhnlicher Regen auf dem Salar de Uyuni, der den Untergrund auf dem Salzsee über viele Kilometer zu einer zähen Matsche und den Weg zur Werkstatt zur Marter werden ließ und – wie sich gleich herausstellen wird – ausgeleierte Kupplungsfedern und eine falsche Anzahl (!) an Kupplungsscheiben. Und als kleines Sur-Plus am Rande: Bolivien ist das einzige Land auf unserer Amerika-Reise, in dem es keine DL 650 gibt…

Aber eins nach dem anderen.

Kupplungsautopsie bei Nomada Experience in Uyuni

Nach unserer Ankunft in Uyuni sind wir heilfroh, in der Garage von Huascar, Robin und Fatima von Nomada Experience die kaputte Kupplung von Felicitas‘ V-Strom reparieren zu dürfen. Das Öffnen des Motorgehäuses geht schnell von der Hand. Unterfahrschutz runter, Motoröl und Kühlwasser ablassen und dann den rechten Motordeckel abgeschraubt. Bei zehn Jahre alten Mopeds geht dabei traditionell die Dichtung des Motordeckels kaputt – so auch in unserem Fall.

Nach dem Lösen der sechs Kupplungsfedern entferne ich die Kupplungs-Druckplatte und es offenbart sich das volle Desaster: Mehrere Kupplungsscheiben sind gebrochen, haben sich komplett zerlegt und im Kupplungskorb verhakt (siehe Titelbild). Entsprechend ramponiert sieht auch die Druckplatte aus, die muss wohl zum Planen auf die Drehbank von Fatimas Bruder, der ist nämlich professioneller Feinmechaniker.

Eine Stunde brauche ich, um mit Zange und Schraubenzieher bewaffnet die Bruchstücke aus dem Kupplungskorb zu operieren und mit Lappen und Benzin die Späne aus dem Motorgehäuse zu wischen. Zum Glück ist der Kupplungskorb unbeschädigt.

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Penibel muss das ganze Kupplungs-Müsli mit Benzin aus dem Motor gespült werden. Ich habe dazu auch den Auspuff demontiert, um zur besseren Reinigung neben der Öl-Ablassschraube (24) auch den Verschlussstopfen (22) unter dem Ölsieb aufschrauben zu können (siehe www.cmsnl.com).

Auf der Suche nach der Fehlerursache studiere ich das Werkstatthandbuch, dass ich als pdf auf meinem iPad habe. Einem inneren Impuls folgend, zähle ich die Kupplungsscheiben nach – und dann nochmal. Laut Werkstatthandbuch sollten es sieben Belagscheiben (4) & (5) und sechs Kupplungsstahlscheiben (6) sein (siehe www.vstrom.info). In Felicitas‘ V-Strom sind aber nur sechs Belagscheiben und dafür sieben Stahlscheiben verbaut. Das Kupplungspaket hat also zu wenig Reibfläche und ist außerdem zu dünn! Zusätzlich sind die Kupplungsfedern verschlissen und fünf Milimeter unter Toleranz. Nicht gut..

Wir brauchen ein neues Kupplungskit

Wir brauchen also neue Kupplungsscheiben, -federn und eine neue Dichtung für den Motordeckel. Noch sind wir frohen Mutes, schließlich haben wir bisher in jedem unserer Reiseländer die gute DL 650 angetroffen. Doch unser Optimismus schmälert sich schnell als klar wird, dass es ausgerechnet in Bolivien keine Ersatzteile gibt. Ein Such-Schauspiel sondergleichen beginnt und erstreckt sich über die nächsten Tage. Ich poste in allen möglichen Facebook-Gruppen, während Huascar seine Motorrad-Kumpels abtelefoniert. Bei unseren Freunden von Suzuki in Kolumbien, wo wir noch vor ein paar Monaten die Maschinen haben überholen lassen, ist ausgerechnet jetzt Feiertag. Da müssen wir uns noch mit der Antwort gedulden.

Ersatzteilsuche mit Social Media

Ein erster Hoffnungsschimmer tut sich auf: In der Facebook-Gruppe Horizons Unlimited Motorcycle Adventure Travellers bekomme ich den Kontakt zum Suzuki- und Kawasaki-Händler Moto Hell in Quito, Ecuador. Wenige Stunden später liegt auch schon das Angebot für Kupplung und Versand vor: 300 US$ zuzüglich bolivianischem Zoll will Moto Hell haben. Oha, das ist ein saftiger Preis. Da suchen wir doch lieber noch ein bisschen weiter.

Am nächsten Tag meldet sich, ebenfalls über Facebook, jemand aus Cochabamba, Bolivien. Er hat Kontakte zu einem Ersatzteile-Importeur und will uns für 100 US$ die Kupplungsscheiben mit dem nächsten Flugzeug schicken. Das klingt doch schon viel besser! Huascar überweist ihm für uns das Geld und wir sehen siegreich dem glorreichen Ausgang unseres nächsten Abenteuers entgegen. Wie wohl das Weltreisen noch vor zwanzig Jahren war, als es kein Internet, soziale Medien und Motorradfahrer-Facebook-Gruppen gab?

Am nächsten Morgen dürfen wir dann statt geliefertem Paket doch eine authentische, bolivianische Weltreiseerfahrung machen. Es stellt sich nämlich heraus, dass es in Cochabamba zum einen nur zwei Kupplungsscheiben gibt und diese zum anderen statt für unsere DL 650 für die gute alte DR 650 sind – und natürlich nicht passen. Wenigstens kommt das Geld postwendend zurück. Also heißt es: weitersuchen.

Rettung durch Suzuki Bogotá

Mittlerweile sind die Feiertage in Kolumbien vorbei und wir können mit Sebastian von Suzuki Bogotá sprechen. Fatima übernimmt die Telefonate für uns, dass macht die Kommunikation doch deutlich einfacher. Sebastian hat eine Kupplung auf Lager, allerdings vom 2012er Modell. Er versichert uns aber, dass sie auch für ältere V-Stroms passt. Sie soll 95 US$ kosten, dazu kommen noch 65 US$ Express-Versand mit FedEx – und der unberechenbare bolivianische Zoll. Versenden könne er gleich Montag Morgen, die Lieferung würde dann noch ca. eine Woche dauern. Wiedermal ist auf Suzuki Kolumbien Verlass! Fatima düst mit uns zur Bank und hilft uns, mit MoneyGram das Geld zu überweisen.

Warten auf die Post

Wir vertrödeln die nächsten Tage in Uyuni ohne besondere Aktivitäten. Wir erholen uns vom Stress und den jüngsten Reisestrapazen mit Nichtstun, am-Blog-Arbeiten und leckerem Essen. Fatima hat einige Jahre in Deutschland gewohnt und verwöhnt uns mit allerlei Köstlichkeiten, die uns sehr ein Gefühl von Zuhause geben. Sie besorgt sogar frische Fleischwurst zum Frühstück!

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Fatima verwöhnt uns mit deutschem Frühstück: Es gibt frische Fleischwurst und echten Käse!

Lange währt die Ruhe allerdings nicht, zwei Tage später meldet sich der bolivianische Zoll. Da wäre so ein Paket, wir müssten noch jede Menge Geld überweisen und man wüsste auch nicht, wann das weitergeschickt werden könnte und wohin überhaupt.

Aaah!

Fatima greift wieder für uns zum Hörer und telefoniert stundenlang irgendwelchen Zollheinis hinterher, deklariert die Kupplung als Nähmaschinenteile (damit die Steuer günstiger wird), sendet Beschwerdenachrichten über den schlechten Service und dass sie nicht bereit sei, dafür auch noch die verlangte Servicegebühr zu bezahlen, wo sie doch schon alles selber machen müsse. Schlussendlich müssen wir NUR noch 70 US$ für Zoll ohne Servicegebühr überweisen.

Einen Tag später erhalten wir die Nachricht, dass das Paket freigegeben und auf dem Weg nach Uyuni sei. Oh man, ohne Fatima hätten wir das nie geschafft!

Kupplungslieferung und Einbau

Mit Spannung sitze ich am Morgen des Auslieferungstages an der Tür von Nomada Experience und warte auf die Post. Nichts passiert. Mittags hängt sich Fatima wieder ans Telefon und kriegt wenige Stunden später raus, dass das Paket tatsächlich in Uyuni ist – und sich seit heute morgen an der Bushaltestelle befindet. Frustriert über die unnötige Verzögerung stapfen wir also zur Bushaltestelle und holen das Paket aus einem der unzähligen trüben und staubigen Mini-Geschäfte ab. Endlich! Hoffentlich passt alles… ich glaube das erst, wenn Sir Bumblebee wieder fährt!

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Nach wochenlangem Gerenne und Telefoniere halten wir endlich das Kupplungskit aus Kolumbien in Händen.

Etwas nervös wickle ich das Paket aus und lege alle neuen Teile auf die alten, um zu sehen, ob sie identisch sind. Wir sitzen nun schon seit zwei Wochen in Uyuni fest. Wenn jetzt noch was schiefläuft, geht uns die Zeit aus. Wir müssen in zwei Wochen zur Verschiffung unserer Motorräder in Valparaiso sein.

Kupplungsscheiben und Dichtung sind tatsächlich identisch – nur die Kupplungsfedern sind deutlich länger, als sie sein sollten. Ich will trotzdem probieren, ob ich sie verwenden kann.

Mit Feile bewaffnet mache ich mich nun an die Anprobe der Kupplungsscheiben in den Kupplungskorb. Vorsichtig entferne ich ein paar Rattermarken, bis sich alle Scheiben ohne Klemmen und Haken einführen lassen. Passt! Ich atme auf. Sollten wir uns schließlich auf der Zielgraden befinden?

Passen die Kupplungsfedern der 2012er V-Strom?

Fehlen nur noch die Kupplungsfedern und Sir Bumblebee ist fast wieder flugfein! Leider stellt sich heraus, dass Suzuki bei der Modellpflege der 2012er V-Strom doch etwas an der Kupplung geändert hat. Die neuen Federn lassen sich zwar in die 2008er V-Strom einbauen, die Kupplung lässt sich aber nur sehr schwer ziehen.

Mit Mechaniker Robin rätsele ich, was zu tun ist. Mit neuen Federn kann man die Kupplung kaum ziehen, die alten sind ausgeleiert und bergen das Risiko, dass die neuen Kumpungsscheiben bei der nächsten offroad-Volllastaktion wieder abbrennen. Als Kompromiss baue ich schließlich alles mit drei neuen und drei alten Federn zusammen.

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V-Strom Kupplung mit drei alten 2008er und drei neuen 2012er Kupplungsfedern kurz vor dem Festschrauben. Die Kupplung fühlt sich trotzdem sehr steif an.

Die Motordeckeldichtung des 2012er Modells passt hingegenwieder tadellos und so dauert es nicht mehr lange, bis auch Motoröl und Kühlflüssigkeit aufgefüllt sind. Dann der große Moment: Wird alles funktionieren?

Test der neuen Kupplung

Ich drücke auf den Startknopf, der Motor springt an. Vorsichtig lege ich den ersten Gang ein – und muss ernüchtert feststellen, dass auch mit nur drei neuen Federn die Rückstellkraft so groß ist, dass die Kupplung nicht sauber trennt und das Getriebe nicht vernünftig schaltbar ist. Mist! Also Öl und Kühlwasser wieder raus und alles nochmal auseinander. Bis Deutschland wird Felicitas wohl oder übel mit den alten Federn weiterfahren müssen.

Wenige Stunden später sind die Federn auf die sechs alten zurückgetauscht, der Motor wieder zusammengebaut und erneut mit Betriebsmitteln geflutet. Druck auf den Startknopf, Motor springt an, Gang eingelegt – und alles funktioniert! Sanft und präzise greift die neue Kupplung. Bleibt zu testen, ob die niedrige Andrückkraft der alten Federn ausreicht, dass die Kupplung bei starker Belastung nicht rutscht. Ich fahre den Motor in den staubigen Gassen von Uyuni kurz warm und gebe dann auf der Hauptstraße Vollgas. Die V-Strom beschleunigt, ohne dass ich ein Rutschen der Kupplung feststellen kann. Auch als ich gleichzeitig die Hinterradbremse trete, um bei Vollgas eine konstante Geschwindigkeit zu halten, rutscht nichts und die Motordrehzahl bleibt konstant!

Endlich wieder frei

Es ist geschafft, wir können endlich wieder auf die Straße! Was für eine nervenzehrende Zeit. Ohne die tatkräftige Unterstützung von Fatima, Robin und Huascar hätte alles sicherlich noch viel länger gedauert. Wir können es kaum erwarten, die Koffer zu packen, die Stromsis zu satteln und uns auf den Weg gen Süden über die legenfäre Laguna Route zu machen. Vielen Dank für eure Gastfreundschaft und die großartige Hilfe!

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Die Crew: Tourorganisatorin und Überzeugungskünstlerin Fatima, Inhaber Huascar, Mechaniker Robin, wir und zwei Leihmotorräder von Nomada Experience.

Andreas


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Mit zwei V-Stroms und einer kaputten Kupplung über den Salar de Uyuni

Eines der großen Highlights Boliviens ist der Salar de Uyuni. Klar, dass wir ihn sehen und mit unseren V-Stroms befahren wollen. Kaum vorstellbar, doch dieser Salzsee umfasst gut 10.000 km². Er ist so flach, dass man in der Mitte des Naturspektakels nichts außer den Salt Flats sieht. Für eine Zeit kann man gut und gerne meinen, dass die Erde wirklich nur eine Scheibe sei. Doch nähert man sich dem Rand, sieht man, wie sich Hügel schrittweise in die Höhe schrauben. Ach, hätte Galileo diesen Ort damals nur gekannt…

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Der sagenumwobene Salar de Uyuni. So sieht er bei schönem Wetter aus.

Bei erstaunlichem Grip ballern wir frohen Mutes in einem Affenzahn über die Salzplatten mit Zielrichtung Salzhotel. Die Abenddämmerung strahlt, das Abendbrot lockt. Alles gut, so sollte man meinen. Doch dann kommt alles ganz anders als wir denken.

Kupplungscrash in der Sanddüne

Anstelle einer offiziellen Ausfahrt aus dem See ans Land stoßen wir kurz vor dem Ziel auf eine Art Sanddüne. Wir versuchen mit Schwung bis zur nur wenige hundert Meter entfernten Straße zu kommen – bleiben aber schon nach wenigen Metern im losen Untergrund stecken. Wir entladen die Mopeds, lassen Reifendruck ab und buddeln zuerst Andreas‘ Töff aus dem Sand. Mit Karacho und ordentlich Anschieben brettert er schließlich in einer dicken Staubwolke zur Straße. Jetzt heißt es, mein Vehikel ins sichere Fahrwasser zu bringen. Es wäre auch alles irgendwie zu einfach, wenn auch das jetzt auf Anhieb klappen würde, oder?

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Andreas‘ V-Strom ist im Sand eingegraben. Das Ausbuddeln wird gleich ein ganzes Stück Arbeit.

Meine Kupplung brennt jedenfalls auf einmal durch und meine V-Strom bewegt sich keinen Millimeter mehr von der Stelle. Die komplette Traktion am Hinterrad ist weg. Jetzt gucken wir ziemlich doof aus der Wäsche. Ohne Motor bekommen wir die 260 kg-Maschine nicht bergauf durch dieses Terrain geschoben…

(Für alle Nichttechniker ganz profan gesagt: Die Kupplung verbindet den Motor über die Kette mit dem Hinterreifen. Funktioniert die Kupplung, dreht das Rad und gibt so Schubkraft. Ist sie kaputt, jault lediglich der Motor beim Gasgeben und es passiert nüscht in Sachen Vorwärtskommen.)

Andreas braust also mit seiner funktionierenden Maschine los gen ein nahes Salzhotel, um Hilfe zu holen, ich halte die Stellung. (Irgendwie erinnert mich die Situation in Peru als wir in den Bergen im Nirgendwo stecken geblieben sind und der Motor von Andreas‘ Maschine nicht mehr ansprang.) Kurze Zeit später naht Rettung in Form von Reiseführer Basislio mit seinem Megajeep, den Andreas in der Unterkunft aufgegabelt hat. Zu dritt wuchten wir das Moped mit vereinten Kräften auf die Straße, vertäuen es mit einem Seil, das wir vor ein paar Tagen zufällig beim Zelten am Strand des Titicaca-Sees gefunden haben, an Basilios Auto und zockeln durch die Nacht.

Abschleppen über den Salar de Uyuni

Wenig später erreichen wir ausgelaugt aber glücklich das Salzhotel. Nach eingehender Kupplungsanalyse wird klar: Da ist was Größeres hinüber. Nix, was man hier in der Pampa reparieren könnte. Wir müssen die Mopeds irgendwie 100 km über den Salzsee in die nächste Werkstatt nach Uyuni überführen.

Glücklicherweise bekommen wir in Uyuni einen Schrauberkontakt. Unser Freund Jaime von Xtress, mit dem wir in La Paz Bekanntschaft gemacht haben, kennt hier wen und stellt den Kontakt her. Huascar von Nomada Experience will uns morgen in seiner Garage in Empfang nehmen.

Vielleicht sollte ich erwähnen, dass es in dieser Nacht schneit und die Pisten zum Salar am nächsten Morgen ein wahrer Traum aus rutschigem Matsch sind. Was in Deutschland unmöglich wäre, ist hier kein Problem – hoffen wir jedenfalls. Zwischen den Sturzbügeln der Mopeds spannen wir unser Seil und Sir Bumblebee wird so in einem Abstand von einem Meter von Andreas‘ Motorrad abgeschleppt. Wir erkundigen uns noch, wie wir wieder auf den Salar kommen – diesmal allerdings ohne Dünenüberquerung. Wir erfahren, dass es im nächsten Ort einen Checkpoint geben soll, ab dort führt eine offizielle Piste auf die Salzkruste.

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Und reins ins Vergnügen: Ab geht es mit unseren V-Stroms durch den Matsch auf den Salar de Uyuni. Das Abschleppen des Motorrads macht richtig Freude mit den rutschenden Hinterreifen…

Treff mit der Armee

Mit atemberaubenden 20 km/h nähern wir uns dem Einstieg. Hier steht tatsächlich ein offiziell aussehendes Häuschen inmitten von Kakteen – also schnell weitergefahren und rauf auf den See. Hoffentlich sieht uns keiner mit unserer waghalsigen Abschleppkonstruktion.

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So sieht sie aus, unsere Abschleppkonstruktion: Zwei V-Stoms dazwischen ein Seil.

Irgendwann umgibt uns nur noch weiße Weite. Noch 70 km bis zum Ziel. Die Sonne scheint, doch dann tauchen Wolken in Fahrtrichtung auf, die eindeutig mit Schnee gefüllt sind. Huff, hoffentlich landen wir nicht noch in einem Schneesturm! Wir konzentrieren uns und eiern so schnell wie möglich über den rumpligen Untergrund.

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Die Gewitterwolken ziehen dick über dem Salar de Uyuni auf. Und wir sind genau mittendrauf.

Urplötzlich taucht neben uns aus dem Nichts ein Fahrzeug mit Sirene und Blaulicht  auf. Ein Soldat mit Maschinengewehr und ein anderer Uniformierter steigen aus. Sie machen zahlreiche Fotos von uns, den Motorrädern, unserer Abschleppkonstruktion – und unseren Ausweisen. Hoffentlich fragen die jetzt nicht auch noch nach den nicht vorhandenen Eintrittstickets. Machen sie nicht. Puh! Stattdessen wollen sie uns überraschend und ganz uneigennützig helfen und uns bis nach Uyuni lotsen.

Sie rasen los, wir zockeln hinterher. Da sie aber ungefähr sechs mal schneller als wir fahren und ständig auf uns warten müssen, wird ihnen die Sache bald zu langweilig. Sie zeigen uns schließlich eine offiziell aussehende Salzstraße, die uns ans Ziel bringen soll, machen weitere Fotos (wir dürfen aber keine von ihnen aufnehmen – komisch, oder?) und brausen davon.

Rettung in Uyuni

Weiter quälen wir uns über den Salar und bleiben erneut an seiner Küste kurz vorm Ziel stecken. Die Unwetterwolke vor uns hat hier abgeregnet und das Salz ist zu einer Art knöcheltiefem Schlamm mutiert. Ohne funktionierende Kupplung kriegen wir meine Maschine nicht raus. Nur gut, dass die Einheimischen alle hilfsbereit sind und fette Jeeps fahren. So schaffen wir es schließlich mit vereinten Kräften durch knietiefe, riesige Salzwasserpfützen ans nahende Ufer.

Nach dieser Aktion sehen sowohl die Stromsis als auch wir wie mit einer Zucker- bzw. Salzkruste überzogen aus. Das Zeug muss dringend runter, um Korrosion direkt im Keim zu ersticken. Das ist nämlich Hauptfeind Nummer 1 nach einer Salarüberquerung. Mopeds also fix gewaschen und endlich über Asphalt ab zur Werkstatt im Zentrum Uyunis.

Inhaber Huascar und Mitarbeiterin Fatima empfangen uns freundlich. In seinem Laden dürfen die Motorräder bleiben während wir uns daran machen, eine neue Kupplung zu suchen. Wie das wohl werden wird? Wir haben nämlich schon das Motto Boliviens gehört, das Spektakuläres zu erwarten lässt: „Alles ist möglich. Nichts ist sicher.“

Doch die Kupplungssuche geht erst morgen los. Heute ist es schon zu spät, um irgendetwas anderes zu tun als etwas zu essen und schlafen zu gehen. Nur gut, dass Fatima uns zu sich nach Hause eingeladen hat. Hier finden wir nämlich ein warmes Bett und in Fatima eine herzliche Gastgeberin, die sogar deutsch spricht, weil sie viele Jahre im Sauerland gewohnt hat.

 

 

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Fatima lädt und kurzerhand zu sich nach Hause ein. Es geht doch nichts über Sauerländische Gatfreundschaft 🙂

Für heute also gute Nacht und auf die Fortsetzung des Kupplungs-Krimis.

Felicitas


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Death Road und andere Freuden in La Paz

Jetzt hat es auch Adreas‘ Kettenschutz erwischt! Na gut, man kann sagen, nach knapp 34.000 km Motorradweltreise über holprige Pisten kann das schon mal passieren. Der Touratech-Kettenschutz meiner V-Strom hatte sich ja bereits in Costa Rica verabschiedet, doch Dank der Unterstützung von Suzuki Bogota fahre ich seit Kolumbien wieder mit einem Originalkettenschutz. So leicht finden wir allerdings keinen Ersatz für Andreas‘ Töff, weil wir gerade die Grenze zu Bolivien passiert haben und uns jetzt in der Pampa am Titicacasee befinden.

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Unser Zeltlager am Titicacasee.

Der örtliche Schweißer des Vertrauens, der in einem kleinen Dorf am größten Süßwassersee Südamerikas wohnt, hat schon verlauten lassen, dass er zwar gerne helfen würde, leider aber kein Alu schweißen kann. Der einzige Ort in Bolivien, wo das ginge, wäre La Paz. Alles klar, La Paz liegt eh auf dem Weg – wir wollen schließlich die legendäre Death Road testen. Damit der gebrochene Kettenschutz den Weg bis dahin übersteht, wird nicht lange gefackelt: Er wird abmontiert und dann mit einem alten Fahrradschlauch an den Kofferträger gebunden.

Xtress in La Paz

Auf dem Weg zur Hauptstadt nimmt Andreas Kontakt mit dem Suzuki–Händler Jaime auf, um herauszufinden, ob er uns weiterhelfen kann. Jaime meint, das ginge, wir sollen einfach vorbeikommen. Als wir sein Geschäft Xtress erreichen, werden wir von ihm und seinen Mitarbeitern wie alte Bekannte begrüßt.

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Jaime und sein Team von Xtress begrüßen uns in La Paz.

Jaime hat zwar keine eigene Werkstatt, kennt aber genau den richtigen Mann für diesen Fall. Der gebrochene Kettenschutz wird kurzerhand zur Chefsache erklärt und Jaime fährt mit Andreas zum Aluschweißer.

Als sie zurückkehren, strahlen beide. Der Kettenschutz ist repariert und Jaime lädt uns zu sich übers Wochenende nach Hause ein, wo wir seine Familie kennenlernen dürfen. Wenn das nicht mal gute Neuigkeiten sind! Er sorgt dafür, dass wir uns nicht nur kulinarisch und durch die erste heiße Dusche seit Monaten wie im Urlaub fühlen.

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Frisch geduscht am fulminant gefüllten Frühstückstisch.

Doch das ist noch nicht alles. Jaime scheint alles und jeden in La Paz zu kennen. Noch am selben Abend organisiert er uns einen Ölwechsel inklusive Öl für den nächsten Morgen in der nahen Suzuki-Autowerkstatt und legt noch einen Satz vordere Bremsbeläge für Sir Bumblebee oben drauf.

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Suzuki La Paz sponsort uns mit einen Ölwechsel inkl. Öl. Unsere Schrauber Carlos Miguel und Gabriel sind ruck zuck fertig.

Death Road

Nach den Instandsetzungsmaßnahmen ist es dann endlich soweit. Das Befahren der gefährlichsten Straße der Welt, der Death Road, steht an. Jaime tüftelt mit uns den perfekten Tag dafür aus. Das Wetter muss nämlich mitspielen, da wir den Q’ulini-Pass in fast 5.000 m Höhe auf dem Weg überqueren müssen.

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Bei Sonnenschein kommt uns der Pass um den Q’ulini gar nicht kalt vor. Mal sehen, wie das Wetter heute abend auf dem Rückweg aussieht…

Die Death Road befindet sich einige Kilometer hinter dem Pass und ist so berühmt berüchtigt, da über all die Jahre etliche Fahrer hier in den tiefen Schluchten tödlich verunglückt sind. Wir hingegen genießen die gut 40 km lange Abfahrt nach Coroico – entgegen des Images ist nämlich eine der angeblich gefährlichsten und lebensbedrohlichsten Straßen der Welt gut in Schuss und mit dem Motorrad super zu fahren.

Das liegt sicherlich auch daran, dass sie mittlerweile für den Durchgangsverkehr gesperrt ist und sich heute keine LKWs mehr auf der knapp drei Meter breiten Fahrbahn aneinander vorbei quetschen müssen. Wir begegnen lediglich diversen Gruppen von Mountainbikern, die die 3.600 Meter Höhenunterschied vom Beginn der Todesstraße bis zu ihrem Ende hinunterrollen.

Wer mal eine wirkliche Todesroute erleben möchte, der soll einfach mal in Nicaragua den Weg zum Vulkan Telika ausprobieren – da ist wirklich fahrerisches Können angesagt. Eben keine Schönwetterfahrt wie hier.

Motocross-Training

Nachdem wir erfolgreich die Road of Death überlebt haben, lädt und Jaime zum nächsten Abenteuer ein. Er ist mit den Besitzern einer Motocross-Strecke um die Ecke sehr gut befreundet und unser Gastgeber hat einen Tag Urlaub. Wir dürfen sogar seine Renn-Maschine testen. Leider hat die unterwegs einen Platten bekommen, so muss eben die V-Strom durch den Cross-Parcours gelotst werden.

Während Andreas seine Runden dreht, schaut das Motocross-Rennstrecken-Team interessiert zu, was er denn mit der vergleichsweise fetten Maschine so treibt. Trotz der niedrigen Bodenfreiheit kommt er zum Ergebnis: Die DL650 macht wiedermal eine ziemlich gute Figur! Dank Weltreisetraining ist seine Rundenzeit mit V-Strom sogar besser als auf Jaimes Renngerät.

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Wiedermal mit der V-Strom auf die Motocross-Strecke: Über den Jump rechts im Bild geht’s gleich mehrere Runden!

Das Highlight des Abends wird ein Privatkurs bei Motocross-Trainer Carlos Del Carpio. Er ist eindeutig der beste Fahrlehrer, der mir jemals eine Stunde gegeben hat! Wir drehen mit unseren V-Stroms Runden auf dem Übungsplatz der Rennstrecke und er arbeitet mit uns an der Sitzposition und Kurvenfahrtechnik im Gelände. Der Trick ist, das Gewicht auf den Vorderreifen zu verlagern und die Arme anzuwinkeln (sowohl beim Fahren im Sitzen als auch im Stehen). Das hat den Vorteil, dass man leichter lenken kann und die Kontrolle über die Maschine auch in unebenen Gelände behält.

La Paz war in jeglicher Hinsicht eine tolle Zeit. Wir freuen uns, dass wir all das Schöne erlebt haben! Vielen Dank dafür.

Felicitas


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Perus atemraubende Schönheiten – #2 Rainbow Mountain

Peru ist für seine Wanderrouten in schwindelnder Höhe berühmt-berüchtigt. Nachdem wir schon erfolgreich die Laguna 69 und den Machu Picchu erklommen haben, wollen wir uns ein weiteres, farbenfrohes Spektakel ansehen: den Rainbow Mountain auf 5.200 m über N.N.. Wir knattern also frohen Mutes eine kurvige Piste entlang zahlreicher, äußerst plüschiger Lamas und Alpakas und fahren unserem nächsten Ziel entgegen.

Unser Lager wollen wir aus Temperaturgründen sicherheitshalber 10 km vor und gut 500 Höhenmeter unter dem Treck aufschlagen. Bei zweistelligen Minusgraden zu zelten, erscheint uns momentan wenig attraktiv. Auch heute finden wir einen geeigneten Ort: Wir dürfen im Hinterhof eines Restaurants auf einer Wiese neben einem Fluss unser mobiles Heim aufschlagen. Umgeben von Bergwipfeln und unter tausenden von Sternen verbringen wir die Nacht.

Am nächsten Morgen werden wir von einer Horde Touristen überrascht, die in aller Herrgottsfrühe mit einem Tourbus aus Cuzco angereist ist und fröhlich lachend um unser Nachtlager patrouilliert. Sie überlegen bereits mit Wanderschuhen, Rucksack und Sonnenhut ausgerüstet, ob sie hier beim Restaurant noch einen Wanderstock shoppen wollen. Parallel starren sie uns entgeistert an als wir uns verschlafen aus dem Zelt pellen. Wir lassen uns davon aber nicht abschrecken und frühstücken erst einmal die immer wieder leckeren Haferflocken (was ich mich schon auf ein opulentes Frühstück daheim freue!).

Wandern in der Höhe

Frohen Mutes machen wir uns dann mit einem Motorrad auf den Weg in die Höhe und fahren zum Startpunkt. Zelt und das andere Moped bleiben in Obhut des Restaurantbesitzers. Wir erreichen ein buntes Basislager mit einem Parkplatz, wo man noch flink einen Schokoriegel kaufen kann. Wollen wir aber nicht. So verbleibt das Vehikel hier und wir beschreiten flinken Fußes den gut ausgebauten Wanderpfad, der sich zunächst flach entlang von Alpakaherden schlängelt. Guter Laune bestaunen wir die Schönheit um uns herum.

Unser Plan für den weiteren Weg: Wir werden anmutig den Rainbow Mountain erklimmen. Ach was, wir werden ihn hinaufschweben! Jawohl. Schließlich haben wir sechs Wochen in den Bergen Cuscos verbracht, da sollten wir doch höhentechnisch gut akklimatisiert sein.

Dachten wir.

Anstelle zu frohlocken, röcheln wir bereits nach wenigen Minuten den dann doch steilen Anstieg für einige Stunden hoch. Von wegen ebener Weg und so. Zwischendurch werden wir von Touristen überholt. Was? Wie geht das denn? Ach ja, die sitzen auf Maultieren und müssen sich nicht selbst anstrengen. Wie die rasenden Führer in sandalenartigen Schlappen und deren Maultiere mit Beladung es allerdings mehrmals am Tag in diesem Supertempo den Berg hochschaffen, ist uns ein Rätsel.

Gipfelstürmer – Dank Coca Blättern

Doch wir bleiben tapfer und wollen uns daran erfreuen, den Aufstieg aus eigener Kraft geschafft zu haben. Mitleidige Angebot der freien Maultierführer lehnen wir dankend ab. Mit dem Ziel vor Augen heißt die Maxime: Ein Schritt nach dem anderen. Jeder Meter zählt! Zwischendurch rasten wir und stärken uns mit Wasser und Massen an Coca Blättern, die wir dieses Mal im Gepäck haben. Wir lernen ja dazu! Schneller werden wir davon leider nicht, bekommen dafür aber keine Kopfschmerzen.

Irgendwann erreichen auch wir den Gipfel. Das Martyrium hat sich gelohnt: Die Farben des Rainbow Mountain schillern in glänzender Pracht. Wir blicken in die Ferne und sehen schneebedeckte Gletscher des Apu Ausangate. Es ist wunderschön hier oben.

Nach einem kurzen Verschnaufen müssen wir uns schon wieder an den Abstieg machen – schließlich wollen wir ja noch im Hellen am Zelt ankommen. Glücklicherweise geht es nun nur noch bergrunter und wir sind entsprechend schneller. Doch auch dieses Mal erreichen wir den Ausgang, an dem unser Moped treu auf uns wartet, als Letzte. Alle Touristebusse sind schon längst über alle Berge. Egal. Wir haben es ja nicht mehr weit bis zu unserem Lager.

Dort angekommen, lässt es sich bei einem leckeren Abendessen gut erholen. Nun aber schnell in den Schlafsack, ehe es anfängt zu frieren. Am vorherigen Morgen nämlich fanden wir unser draußen in einer Tasse vergessenes Wasser als Eisklotz wieder. Brrr.

Gute Nacht!

Felicitas


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Perus atemraubende Schönheiten – #1 Laguna 69

Peru ist berühmt für einmalige Landschaften – in atemraubender Höhe. Wir wollen uns gleich zwei der Naturschauspiele ansehen: die Laguna 69 bei Huaraz auf 4.600 m und den Rainbow Mountain bei Cuzco in einer Höhe von 5.200 m.

Über Piste 123 nach Caraz

Die letzten zwei Wochen haben wir in Trujillo am Meer verbracht. Perus Küste ist eine karge Wüstenlandschaft, schier endlos zieht sich die gut ausgebaute Panamerikana durch die Einöde. Definitiv kein Spaß zum Motorradfahren und so biegen wir bereits nach wenigen Stunden auf eine einsame Piste nach Caraz ab, wo wir die Nacht verbringen wollen.

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Von Perus Küste nach Caraz führt eine einsame Piste durch die Wüste.

Caraz liegt im legendären Nationalpark Huascarán, einem alpinen Outdoor-Paradies, das mit spektakulären Landschaften und Hiking Trails zwischen etlichen Fünftausendern lockt.

Als wir das Ende der Piste erreichen, geht die Fahrt asphaltiert weiter durch tiefe Schluchten bis wir am späten Nachmittag auf einem gemütlichen Zeltplatz ankommen. Hier bereiten wir uns auf die Wanderung zur Laguna 69 am nächsten Morgen vor: Rucksäcke packen, Wasserflaschen auffüllen und ausgiebig schlafen.

Wanderung zur Laguna 69

Gut erholt wachen wir am nächsten Morgen auf und nach dem üblichen Oatmeal fahren wir zum Parkplatz, an dem die Wanderroute zur Laguna 69 beginnt. Das Wetter spielt leider nicht so mit. Es nieselt und es ist kalt. Wir befinden uns immer noch in der Regenzeit. Wir stellen die Mopeds zwischen grasenden Lamas ab und machen uns – doch etwas kurzatmig – auf den Weg.

Der Wanderpfad führt zunächst an einem Fluss zwischen grünem Gestrüpp und grasenden Kühen entlang. Dann wird die Landschaft zunehmend kärger und wir stapfen stoisch Höhenmeter um Höhenmeter durch die grauen Wolken.

Die Höhe macht uns zu schaffen

Immer wieder müssen wir Pause machen, die dünne Luft macht uns sehr zu schaffen. Hätten wir mal lieber auf den Reiseführer gehört, der eine ausgiebige Akklimatisierungszeit empfiehlt. Auch das Kauen von Coca-Blättern wird angeraten. Abenteuerlustig haben wir natürlich glorreich auf beides verzichtet und kassieren jetzt die Quittung.

Immer wieder kommen uns Wanderer von oben entgegen und muntern uns mit kürzer werden Zeitprognosen auf. Strahlend erzählen sie uns von den einmaligen Farben der Lagune und dass es sich auf jeden Fall lohnt, durchzuhalten. Also halten wir durch! Alle paar Meter halten wir kurz an, um nach Luft zu ringen, etwas zu trinken und ein Plätzchen zu verzehren. Der Weg zieht sich endlos und wir klettern zwischen Felsbrocken entlang.

Endlich oben!

Und dann, eine gefühlte Ewigkeit später, haben wir es geschafft! Wir sind oben angekommen an der türkisen Lagune! Farben und Licht sind wirklich einmalig, schon fast unnatürlich. Wir setzen uns ans Ufer, essen Marmeladenschnittchen und bestaunen die blaue Kälte. Wir haben so lange nach oben gebraucht, dass alle Reisegruppen schon weg sind und wir ganz alleine hier oben sitzen. Nur eine einzelne Kuh hat sich hierher verirrt und nagt an den spärlichen Grashalmen.

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Endlich geschafft: die Laguna 69 mit ihrer surrealen Farbe

Später Rückweg

Dann heißt es wieder absteigen. Die Uhrzeit ist schon fortgeschritten und wir wollen hier auf keinen Fall in der Finsternis herumkraxeln. Außerdem haben wir gehört, dass die Schranke am Parkeingang abends geschlossen werden soll…

Der Rückweg gestaltet sich zum Glück etwas einfacher als der Aufstieg, aber die aufkommenden Kopfschmerzen werden deswegen leider nicht weniger. Als wir schließlich den Parkplatz erreichen, dämmert es schon. Schnell ziehen wir unsere Moped-Klamotten an und ich fahre schon mal vor, um den Parkwächtern mit dem Schließen der Schranke Einhalt zu gebieten. Wir können bei dieser Kälte auf keinen Fall über Nacht hier oben bleiben!

Ich rase also über Stock und Stein und erreiche schließlich das Wärterhäuschen – allerdings zehn Minuten zu spät. Kein Mensch ist mehr hier. Aber das nehme ich erleichtert niemandem krumm: die Schranke steht sperrangelweit offen. Einige Minuten später höre ich ein vertrautes Motorenbrummen – Felicitas kommt über den Rallye-tauglichen Parkweg gebrettert. Gemeinsam tuckern wir nun zurück nach Caraz und zählen die Höhenmeter auf dem GPS mit runter.

Als wir dann doch im Dunkeln wieder am Zeltplatz sind, lässt es sich schon wieder viel besser atmen. Nach einer fast heißen Dusche und einem großen Topf Spaghetti ist auch die Körpertemperatur einigermaßen wieder hergestellt und wir krabbeln in unsere Schlafsäcke und lauschen dem Gewitter über uns.

War das ein anstrengender Tag. Aber wunderschön.

Andreas


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Abgebrochene Fußraste reparieren – Teil 2

Vor einigen Monaten ist mir bei der Bezwingung des Vulkans Telica in Nicaragua bei einem Sturz meine rechte Fußraste abgebrochen. Da wir uns zu diesem Zeitpunkt in der absoluten Pampa befanden, hatte ich die Fußraste kurzerhand mit Knetmetall wieder angeklebt. Was eigentlich nur als Notbehelf gedacht war, hielt dann doch erstaunlich lange: nämlich fast 4.000 km über Stock und Stein von Nicargua bis Peru.

Aber die Klebung hielt leider doch nicht ewig, möglicher Weise hat ihr die Regenzeit auf dem südamerikanischen Kontinent den Rest gegeben. Jedenfalls brach die Fußraste in den peruanischen Anden kurz vor Trujillo in einem Schlagloch Modell Bombenkrater ein zweites Mal. Zeit also, diesmal eine der unzähligen Schrauber-Werkstätten aufzusuchen, die man hier in mittelgroßen Städten zu dutzenden findet.

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Weltenstromer zu Gast bei einer der unzähligen peruanischen Schrauber-Werkstätten.

Der Südamerikaner an sich fährt ja hauptsächlich chinesische Mopeds. Und da diese neben ihrem unschlagbaren Preis auch für ihre herausstechende Qualität bekannt sind, versteht man sich auf Reparieren und Improvisieren im ganz großen Stil.

Geht nicht, gibt’s nicht.

So muss ich auch nur zehn Minuten in Trujillo suchen, bis ich in einer vertrauenseinflößenden Hinterecke eine eben solche Werkstatt aufgetrieben habe – bzw. wurde ich dort von einem fachkundigen Einheimischen hingeführt. Gefunden hätte ich die nie.

Im Gegensatz zu amerikanischen und europäischen Werkstätten wird hier in Peru Service groß und Preis kleingeschrieben. Die anstehenden Reparaturen sollen umgerechnet knapp drei Euro kosten, neben der Fußraste muss auch mein Handprotektor geflickt werden. Der „Taller“ lässt sogleich alles stehen und liegen, seine anderen Kunden umringen meine Maschine. Die gebrochene Fußraste hat er schnell freihändig durchgebohrt und mit einer Schraube aus einer verrosteten Blechdose wieder zusammengeschraubt. Da sie aber mit überstehendem Schraubenkopf natürlich nicht an mein Moped passt, wird dort noch eben großzügig mit der Flex eine entsprechende Aussparung an meine arme V-Strom gefeilt, dass es mir Angst und Bange wird. Listo!

Auch die Reparatur des Handprotektors ist in fünf Minuten erledigt. Irgendwo auf dem Boden liegt ein Stück Blech, irgendwo hinter Krempel steht eine riesige Schlagschere. In das zurecht geschnittene Blechstück werden noch zwei Löcher gebohrt, das ganze wird dann an meinen Handprotektor genietet und mit einer weiteren Schraube aus der rostigen Blechdose alles bombenfest an den Lenker geschraubt. Listo! Noch was? Nee, gracias, das wärs.

Nebenan noch schnell mit dem Hochdruckreiniger Sand und Staub der letzten Woche vom Moped gewaschen und an der Tienda an der Ecke für zwanzig Cent neue chinesische Blinkerbirnen erstanden. Irgendwie stimmt aber ihr Widerstand nicht ganz, sodass meine Blinker jetzt superschnell blinken. Aber sie blinken. Was will man mehr? Sagt auch die Verkäuferin.

Na dann, ab zum Zeltplatz!

Andreas


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