Die neugierig-am-Arsch-vorbei-Methode

Unlängst habe ich wieder geschmökert und bin auf ein Buch mit einem interessanten Titel (und Inhalt gestoßen). Geschrieben hat es Alexandra Reinwarth und heißt „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“. Wie inspirierend ist denn bitteschön dieser Titel?! (Obwohl das eine Wortwahl ist, die für gewöhnlich in meinem Sprachgebrauch so nicht vorkommt und ich beim Lesen manchmal doch darüber gestolpert bin. Meine Erziehung beinhaltete eben den sorgsamen und gepflegten Umgang mit Worten. So folge ich in den Stolpermomenten der Aufforderung der Autorin und lasse mein Zusammenzucken einfach mal am Arsch vorbeiziehen. Klappt ganz gut.)

Am Arsch vorbei geht auch ein Weg: Wie sich mein Leben von Grund auf verändert hat, als ich mich endlich locker gemacht habe von [Reinwarth, Alexandra]

Diese Nacht wird wieder lang bzw. ziemlich kurz. Ich bekomme kaum Schlaf und lese voller Begeisterung durch Kapitel zu Themen vom erfolgreichen Vermeiden von Sammelaktionen im Büro für irgendwelche Geschenke, über Strapazen mit der Schwiegermutter (brauche ich nicht, meine ist nämlich toll, ist aber trotzdem witzig) und der Gestaltung der weihnachtlichen Festfolge, die erfahrungsgemäß in allen Haushalten zu Stressmomenten führt.

Es ist einfach zu göttlich zu lesen und jedes Mal zu denken „Ja. Kenn ich. Doofe Kiste. Scheiß Situation.“ Und dann: „Stimmt. Genau. Da hat sie recht. Was? So einfach geht das?“ Gefolgt von einem Kichern und Prusten in den Schlafsack, um den Mann neben mir nicht zu wecken

Zielgruppe für am-Arsch-vorbei

Jetzt könnte man natürlich denken, wenn man alles und jeden einfach an sich vorbeischickt, mutiert man zu einem ziemlichen Egozentriker, der nur um sich selber zirkelt und keinen Blick mehr auf seine Mitmenschen links oder rechts verliert. Das Risiko scheint mir ehrlich gesagt gering. Der Kerngedanke ist ja schließlich nicht, alles wegzuignorieren und mit einer Schneise der Verwüstung hinter sich lassend durch das Leben zu spazieren. Die Idee ist vielmehr sich so zu verhalten und zu entscheiden, wie es einem wichtig ist, was einem gut tut und einem entspricht und sich von diesem Kurs eben NICHT abhalten zu lassen. Das macht auf Dauer nämlich glücklich und frei.

Für diejenigen handelt es sich um einen interessanten Weg:

  • die neugierig etwas Neues ausprobieren wollen
  • deren Stimme im Hinterkopf gerne hinderliche bzw. einschränkende Botschaften flüstert
  • die ein Thema damit haben, Nein zu sagen
  • die sich zu oft an dem ausrichten, was andere sagen oder meinen könnten
  • die für den letzten Schritt der Umsetzung noch etwas Mut brauchen
  • denen viele Dinge oder Handlungen peinlich sind
  • die nicht immer so können, wie sie wollen.

Klar bleibt der Leitsatz nach wie vor bestehen, dass der Ton die Musik macht. Man braucht ja nun nicht jeden direkt umzunieten, wenn er etwas anderes sagt als man persönlich gerade denkt.

Ruhe da oben – Stimme im Kopf leisestellen

Eine Strategie, um entspannt seinen Weg zu gehen, besteht im Vorbeiziehenlassen, Gehenlassen, Loslassen. Das jedenfalls empfehlen Persönlichkeitsentwicklung, Coaching, Meditation. Diese Methode klappt bei mir leider bei bestimmten Sachverhalten nur bedingt, darum braucht es etwas mehr Krawumms. Meine Glaubenssätze, Emotionen oder Befürchtungen kann ich in den meisten Momenten zwar gut wahrnehmen und auseinanderdröseln – das geht durch ein bisschen Achtsamkeitstraining einfach – doch die Stimme im Kopf brüllt trotzdem konstant in einer ziemlichen Lautstärke munter weiter, was denn jetzt zu tun wäre. Das hält dann von dem eigentlichen Handlungsziel etwas ab.

Darum finde ich den Ansatz, sich kurzzeitig mit dem Gefühl am-Arsch-vorbei zu verbinden, so erfrischend. Der Stimme im Kopf im Moment des Geschehens zu sagen:

„So, Schluss jetzt. Ich brauche jetzt einen klaren Kopf und keine Beratung deinerseits. Alles, was du jetzt sagst, schicke ich an meinem Arsch direkt vorbei. Klappe jetzt!“.

Ein Beispiel: Ist es eine gute Idee, Paragliding auszuprobieren? Klar! Der professionelle Partner hat ja auch ein gesteigertes Interesse, heil auf dem Boden anzukommen. Nein, ausgerechnet mein Sprungprofi ist jetzt kein selbstmordgefährdeter Soziopath oder Terrorist oder noch schlimmer Anfänger. Nein, auch der Landevorgang wird ganz super, alle Füße bleiben heil – wenn das anders wäre, würde der Fluglehrer ja nicht mehrmals täglich durch die Gegend fliegen. Ja, wir werden abheben, wenn wir auf den Abhang runterrennen und rechtzeitig vor dem Wald in der Luft sein. Also, Ruhe jetzt – ich mache das! Danke für dein Wohlmeinen, werte Stimme, doch halt einfach deine Klappe. Es wird super werden, glaub mir. Was soll ich sagen – es war fantastisch, viel zu kurz und eine Hammer Erfahrung.

Paragliding in Ecuador – man beachte gelungenen Start und heile Landung

Am-Arsch-vorbei ist nicht alles

Bei all der Befreiung, Zielgerichtetheit und Aktivität der am-Arsch-vorbei-Methode sind aus meiner Sicht wichtig:

  1. Sich zu verinnerlichen, dass es sich lediglich um eine Methode handelt, Ruhe im zarten Hirn zu schaffen, und nicht um eine Lebenseinstellung.
  2. Sich später in Ruhe die Zeit zu nehmen und herauszufinden, warum einem bestimmte Situationen so an die Nieren gehen und die Ursache zu bearbeiten. Denn sonst verdrängt man einfach nur und erlebt das, was man vermeiden möchte, und findet sich in unterschiedlichsten Szenarien immer wieder bis die Lektion gelernt ist.
  3. Sich klarzumachen, dass die Stimme unser innerer Ratgeber ist und nur das Beste für uns möchte, es gut meint. Sie hat all die Jahre mit uns verbracht, schon einiges Schlimmes miterlebt und möchte uns nur vor dem nächsten Leid oder dem Super-GAU beschützen. Es heißt also, sich dem Ratgeber trotz deutlicher Ansage liebevoll und wertschätzend zuzuwenden.

Beim Thema Ratgeber denke ich  übrigens immer automatisch an Kettcar und die Aussage „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“ und freue mich daran

Synthese aus achtsamer Neugierde und am-Arsch-vorbei

Weil das Ziel ist, sich Freiraum in bestimmten Situationen zu schaffen und nicht, sich alles am Allerwertesten vorbeirauschen zu lassen, finde ich es toll, die unschuldige Begeisterung aus achtsamer Neugierde mit der lässigen Ansage am-Arsch-vorbei zu kombinieren.

Von meinem Experiment mit der achtsamen Neugierde habe ich dir ja schon berichtet. Davon,

  • wie spannend es ist, sich in einer Situation selber auf allen Ebenen wahrzunehmen
  • sich dann vorzustellen, der Hauptdarsteller im eigenen Leben zu sein
  • wie man neugierig wird, wie es weitergeht, wenn man sich anders/neu/authentisch/… verhält.

Wie die Ansage zum am-Arsch-vorbeiziehenlassen geht, weißt du jetzt auch schon. Und jetzt sehen wir uns am Beispiel von bissigen Hunden an, wie man beides kombiniert:

Achtsamkeit

Eines Tag schlendere ich an einem peruanischen Strand entlang. Plötzlich rasen zwei wildgewordene Hunde mit gezogenen Lefzen auf mich zu. Ich gehe einfach weiter, versuche möglichst unauffällig zu sein, hoffe nebenbei, dass ich hier lebend rauskomme. Glücklicherweise ziehen die Mistviecher bellend nachdem sie ein paar Kreise um mich gedreht haben, ihrer Wege.

Mein Herz rast, ich bin etwas verkrampft, ich habe echt ziemliche Angst, fühle mich wehrlos. Wie weh tut eigentlich ein Hundebiss? Töten die einen? Bleibe ich verwundet mutterseelenallein am Strand zurück? Wie soll das denn enden, wenn ich hier auf dem Rückweg wieder lang muss?

Voll Achtsamkeit habe ich also wahrgenommen, wie es mir physisch, emotional und mental geht.

Neugierde

Zweihundert Meter weiter kommen schon wieder zwei Prachtexemplare der Rasse wildgewordener Straßenköter (echte Hunde, keine Trethupe in Meerschweingröße) auf mich zu. Mir wird es langsam echt unheimlich. Sonst war am Strand niemand und nun ziehe ich die Viecher offenbar magisch an. Da gibt es also noch ein unfinished Business. Huch, die zwei verfolgen mich jetzt auch noch. Zwar nicht belled, aber offenbar auf meine Haxen fixiert.

Mein Innenleben kenne ich ja schon von der Begegnung mit den Hunden vor wenigen Augenblicken, also her mit der Neugierde! Was passiert, wenn ich mein Auftreten von verängstigter Spaziergängerin auf furchteinflößende Löwenbändigerin abwandle? Das ist mal eine interessante Frage. Jetzt bin ich doch gespannt, wie der Strandspaziergang weitergeht

Am-Arsch-vorbei

Jetzt mischt sich die Stimme allerdings wieder bezüglich Schmerz und Hundebiss ein (siehe oben, die Stimme ist ja nicht sonderlich kreativ, nur sehr ausdauernd). Dann wird es mir zu bunt. Der Hund verfolgt mich, mein Kopf erzählt wenig Hilfreiches. Ich denke ganz laut: „Am Arsch vorbei. Am Arsch vorbei mit den Hunden. Am Arsch vorbei mit dem Biss. Am Arsch vorbei mit der Angst!“ Und dann übernehme ich das Gefühl, dass es mir wirklich in dem Moment egal ist.

Ha! Ruhe im Hirn. Das Bild der Löwenbändigerin ist wieder da. Ich drehe mich um. Mache mich groß und brülle diese hinterhältigen Kreaturen erst mal so richtig an: „Sagt mal, habt ihr nen Knall?! Verpisst euch!“ Und dann gehe ich noch meine Latschen schwingend auf sie zu. Von wegen, mit Höflichkeit und guten Manieren kommt man aus jeder Situation heraus. Manchmal muss es eben Klartext sein. Die Tölen treten jedenfalls mit eingekniffenem Schwanz den Rückweg an.

Ich stelle fest, meine Kopfstimme konnte ich super in die Wüste schicken und für Handlungsalternativen frei sein.

Beim inneren Ratgeber bedanken und Ursachenforschung

Jetzt bin ich wieder für mich und kann in Ruhe über die vorhergehende Situation nachsinnieren. Ich bedanke mich bei meinem Ratgeber für die Gedanken, um mich vor Gefahr zu bewahren. Und dann falle mir verschiedene Situationen mit Hunden ein, die ich erlebt habe und als unangenehm erlebt habe. Die kürzeste liegt einen Tag zurück. Da ist ein Hund nämlich auf mich losgegangen als ich einen Laden betreten habe, um Wasser zu kaufen. Der hat nicht nach Arm oder Wade geschnappt, nein, der Köter ging direkt aufs Ganze und schnappte in meinen Bauch. Glücklicherweise bin ich unversehrt.

Jedenfalls hatte ich trotz Bearbeitung des Erlebnisses eine Restangst vor Hunden abgespeichert. Also heißt es, sich das Ganze noch mal von vorne anzugucken und die Sorge vor den Tieren loszulassen. Das funktioniert – hier gibt es außerdem genügend Situationen, um sich dessen gewahr zu werden. Wenn ich jetzt mit dem Motorrad irgendwo langfahre und eine Horde wütend kläffender Hunde auf mich zugesprescht kommt, habe ich keine Angst mehr. Stattdessen halte ich den Kurs – notfalls auch auf sie zu-, gebe Gas und teile Fußtritte aus. Dann bin ich wieder ohne nerviger Meute on the road.

Und passend zum Thema: die Ärzte

Viel Vergnügen beim Ausprobieren

Felicitas

Faustformel
Achtsamkeit + Neugierde + am-Arsch-vorbei = Freiheit

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