Mit achtsamer Neugierde zur Freiheit

Zufällig habe ich mir einen Videoausschnitt zum Thema Raucherentwöhnung von Judson Brewers angesehen. Eigentlich seltsam, möchte man meinen, da ich mit Zigaretten oder dem Inhalieren irgendwelcher Kräutersubstanzen – außer zur Erkältungszeit – überhaupt nichts am Hut habe. Und dennoch. Ein Gedanke hat mich daraufhin nicht mehr losgelassen: Die beste Erfolgsaussicht, Rauchen oder irgendeine andere Angewohnheit, für immer aus seinem Leben zu verbannen, ist schlicht und ergreifend – und jetzt halt dich fest – ganz simpel und gleichwohl so mächtig:

achtsame Neugierde!

Und dann passiert das, was immer passiert, wenn die Zeit für eine bestimmte Idee bei mir reif ist: Sie lässt mich nicht mehr los.

Achtsamkeit kenne ich, klar. Achtsamkeit nimmt in allen Meditationsformen einen hohen Stellenwert einnimmt – ich verbinde mich z.B. bewusst mit meinem Atem. Achtsamkeit wird in sämtlichen Therapieformen praktiziert – wie fühle ich mich, wenn ich in dieser order jener Situation bin. Achtsamkeit in der Bewegung – Yoga. Achtsamkeit in der Ernährung – ich esse möglichst nur manchmal die mit furchtbar vielen E-Stoffen angereicherten Gummitiere.

Im Alltag habe ich jedoch festgestellt, dass ich alleine mit Achtsamkeit mein Verhalten zwar schön beobachten, spüren und verstehen kann, doch ändern konnte ich es bisher dadurch nur bedingt. Also weiter mit der Neugierde.

Neugierde ist mir auch bekannt, aber hallo! Sobald ich des abends ein spannendes Buch in den Händen halte, unterbricht eigentlich nur der selige Schlaf kurzzeitig den Fortgang der Geschichte. Wenn ich erst einmal richtig angefixt bin und unbedingt wissen will, wie es denn weitergeht, nehme ich auch gerne Schlafmangel in Kauf und dass es am nächsten Morgen länger dauert, aus dem Bett zu kommen.

Judson Brewer erklärt, was es mit der achtsamen Neugierde auf sich hat.

Protagonist im eigenen Leben sein = Neugierde pur

Okay, wie kombiniere ich jetzt die Abenteuer aus den Büchern, die es für den Helden zu bestehen gilt, mit mir und den großen und kleinen Abenteuern, die ich bestehen will?

Ganz einfach: Ich stelle mir in einer Situation, die ich als eine verbesserungswerte identifiziert habe, vor, ich schreibe, spiele, lese jetzt meine eigene Geschichte. Ich werde also kurzzeitig Protagonist in meinem eigenen Leben. Und wie ich im Buch erfahren will, was als nächstes passiert und alles gut ausgeht, will ich es auf einmal mit derselben Neugierde in der Realität auch herausfinden.

Und es kommt, wie es kommen muss, ich finde mich bereits kurzzeitig nach meinen Überlegungen bezüglich achtsamer Neugierde in einem super Übungsszenario wieder.

Die Sache mit dem Kaffee – das eine tun und das andere wollen

Völlig unerwartet treffe ich in Peru in einem Hostel eine sympathische Holländerin wieder, die ich bereits vor einem Monat in Bogota kennen gelernt habe. Zufälle gibt’s… Oder eben doch nicht. Mit besagter Holländerin und ihrem Reisegefährten wollen wir Cappuccino trinken gehen. Richtig leckeren Espresso mit ordentlich Milchschaum obendrauf, versteht sich. In dem Café unserer Wahl gibt es aber nur Milchkaffee. Na gut, wird ja auch lecker sein – haben wir gedacht.

Dann registriere ich, dass es nicht nur keinen einzelnen Milchaufschäumer hinter der Bar gibt, sondern auch keine Espressomaschine. Jetzt wäre der Zeitpunkt gewesen zu sagen: „Hey H., ich würde sehr gerne Cappuccino trinken. Den haben die hier ja leider nicht. Ein paar Meter weiter gibt es einen Laden, da geht das. Lass uns da rübergehen. Bist du dabei?“

Doch das traue ich mich nicht, H. könnte ja schließlich denken, ich sei eingebildet oder nein sagen oder das doof finden. Also stelle ich nur achtsam fest (Erkenntnis ist immerhin der erste Schritt): Ich handele gerade entgegen meines Bauchgefühls und Wunsches. Und das rächt sich prompt. Der Kaffee kommt schwarz mit Milch in einer Milchkanne dazu – und schmeckt überhaupt nicht. Nicht mal ansatzweise.

Wie Glaubenssätze Verhalten prägen

Jetzt wäre Moment Nummer zwei da gewesen, die Situation nach den eigenen Wünschen zu gestalten und entsprechend dem Barmann zu sagen: „Vielen Dank, dass du Kaffee gekocht hast. Der schmeckt leider muffig. Ich möchte den darum nicht trinken und bezahlen werde ich den auch nicht.“ Vorteile dieses Verhaltens wären gewesen:

  1. der Barmann weiß, dass er seine Kaffeekochfähigkeiten verbessern, Pulver und Filter wechseln und/oder die Kaffeemaschine mal gründlich sauber machen sollte
  2. er hätte mir etwas anderes zu trinken anbieten können und ich hätte was Leckeres vor meiner Nase gehabt
  3. ich gebe kein Geld für Dinge aus, die ich nicht mag
  4. ich wäre meinem Impuls gefolgt und hätte authentisch gehandelt.

Hab ich aber nicht. Ich bin in einer Zeit und Region aufgewachsen, in der mein anvisiertes Ideal-Verhalten verpönt gewesen wäre. Die Devise lautete dort nämlich: froh zu sein, dass es überhaupt Kaffee gibt und dieser ist darum auch zu trinken – bis auf den letzten Schluck. Außerdem, was sollen denn die Leute denken. Zu sagen, dass es nicht schmeckt, ist arrogant und anmaßend und es gehört sich nicht. Die anderen mögen keine Meckerziegen. Und dann stehst du am Ende ganz alleine da.

Puh, solche Glaubenssätze sitzen tief. Entsprechend fühle ich mich in meiner Handlungsfreiheit von der Stimme in meinem Kopf gehemmt, nehme also Geschmacksverirrung in Kauf, um nicht als Nörglerin und Kaffeesnob dazustehen – nicht einmal vor Menschen, die ich gar nicht kenne und vermutlich auch nie wieder sehen werde. H. nicht, weil wir uns schon zum zweiten Mal über den Weg gelaufen sind (man trifft sich ja bekanntermaßen immer nur zwei mal und nicht dreimal) und den Barmann nicht, weil ich da aus o.g. bekannten Gründen nicht mehr hingehen werde.

Und all der Krampf nur wegen eines Heißgetränks. Bei der Wahrnehmung dieser Glaubenssätze und meiner Innenwelt hocke ich nun etwas verkrampft auf meinem Hocker mit verzagtem Gesicht, innerer Zerrissenheit und flacher Atmung, zweifle, was zu tun sei, und nippe währenddessen an dem Teufelsgebräu. Andererseits ist es auch wieder praktisch, dass es sich um eine so banale Situation handelt. Da fällt mir das Beobachten meines Innenlebens deutlich einfacher als beispielsweise im Angesicht des Endgegners.

Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?

H. und ich versuchen mittlerweile, den Ekelkaffee mit Milch zu retten – Milch soll ja bekanntermaßen sogar Vergiftungen neutralisieren. Wir hoffen also auf Rettung. Leider Fehlanzeige. Wir kommen dann gemeinsam zu dem Ergebnis, dass wir den bitteren Kelch des Leidens nicht austrinken und an uns vorbeiziehen lassen wollen.

Jetzt ärgere ich mich über mich dass ich nichts gesagt habe. Ich meine, ganz ehrlich, was wäre denn hier die Konsequenz gewesen? Im besten Fall: ein leckeres Getränk. Im schlimmsten Fall: nichts, genau! Es heißt jetzt also, den Vorsatz achtsame Neugierde auszuprobieren. Dabei liegt die Betonung auf Neugierde, denn mit der Achtsamkeit klappt es ja schon ganz gut.

Ich frage mich also gespannt, was passiert, wenn ich zumindest beim Bezahlen meine Meinung kund tue – ich hab jetzt einfach schon zu lange an dem Gesöff gesessen, als dass ich sagen könnte „Nee, mag ich nicht, bezahl ich nicht“.  Und interessanterweise, werde ich neugierig. Werde ich was sagen? Wie reagiert der Barmann? Was macht H.? Wie es weitergeht, erfahren Sie in der nächsten Folge.

Da ich aber nicht bis zur nächsten Folge oder schlechten Kaffee warten möchte, sage ich zum Barmann (und aus voller Neugierde, was denn dann passiert, bin ich sehr deutlich und verwende keine Höflichkeitsfloskeln, ist ja ein Experiment): „Hast du schon einmal deinen Kaffee probiert?“. Er schaut zur Seite (ich habe auch so eine Vermutung, woran das liegt). Ich: „Ganz ehrlich, der schmeckt furchtbar. Den kannst du deinen Gästen so nicht anbieten. Ich habe den Kaffee bestellt, zu lange gesessen, ohne etwas zu sagen, also bezahle ich den auch. Aber wirklich, der geht echt leider gar nicht.“ Der Barmann reagierte ziemlich mürrisch, pikiert und schimpft los. Ich hab mich umgedreht und bin gegangen.

H. übrigens war ganz begeistert, dass ich dem Barmann über die Mittelmäßigkeit, na ja, Unterirdischkeit seines Hexengebräus hingewiesen habe. Also ehrlich, Stimme im Kopf, du hast da echt Blödsinn erzählt.

Yeah! Ich hab es getan und lasse Revue passieren:

  • Schritt eins: Ich hab es getan entgegen der Stimme in meinem Kopf.
  • Schritt zwei: Mir auf die Schulter klopfen, weil ich mich getraut habe.
  • Schritt drei: Feststellen, dass überhaupt nichts Schlimmes passiert ist als ich es getan hab.
  • Schritt vier: Herausfinden, warum es so lange mit Schritt eins gedauert hat.

Auch Fettes Brot kann darüber ein Lied singen, ob man etwas tun sollte oder nicht.

Oft sind wir nicht authentisch

Jetzt fragst du dich vielleicht, warum ich ein kleines, ja gar zahmes Beispiel wie Rückmeldung zum Ekel-Kaffee zu geben gewählt habe und es so ausführlich beschreibe. Ganz einfach, weil das eine banale Situation ist, die sich zum einen gut beobachten lässt und zum anderen sie jeder in verschiedenen Ausprägungen schon einmal erlebt hat und entsprechend aus eigener Erfahrung kennt. Es läuft letztendlich darauf hinaus, dass wir uns oft schwertun, das zu sagen, was wir meinen und das zu meinen, was wir sagen.

Ich habe genug Menschen beider Geschlechts auf allen Kontinenten in allen Altersgruppen – jawohl, allen – getroffen, die sich nicht erlauben, authentisch zu sein und dafür etwas tun, was ihnen im Grunde ihres Herzens  und Wollens nicht entspricht. In der Schule muss man diesen oder jenen Stil tragen, um cool zu sein. Man muss sich gut mit den Nachbarn stellen, weil man die ja so oft sieht. Man muss mehr Aufgaben übernehmen als man Zeit hat, um gut vorm Chef dazustehen und seinen Job zu behalten. Bla, bla, bla.

So, jetzt haben wir uns meinen Selbstversuch genauer angesehen, eine Situation achtsam wahrzunehmen und neugierig als Protagonist im eigenen Leben neue Verhaltensweisen auszuprobieren. Jetzt heißt es nur noch, diese lästige Stimme im Hinterkopf ruhig zu stellen. Wie das geht, erzähle ich dir beim nächsten Mal.

Zum Thema authentisch sein, haben Wir sind Helden eine tolle Botschaft

Viel Vergnügen beim Neugierigsein auf das eigene Leben!

Deine Felicitas

Die Faustformel:
Achtsamkeit + Neugierde = Freiheit


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3 Gedanken zu “Mit achtsamer Neugierde zur Freiheit

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