Du selbst schreibst deine Geschichte

Weißt du noch, wie du als Kind spieltest? Du spieltest in deine Geschichten Prinzessin, Feuerwehr, Astronaut (oder wahlweise Kosmonaut), Zauberin, Cowboy, Indianer, Vater, Mutter, Kind oder Superheld. Nein, du spieltest es nicht nur, du warst es in dem Moment! Da gab es keine Einschränkung. Du warst Herrscherin eines gesamten Reiches, hattest magische Kräfte, konntest zum Mond und in entfernte Galaxien fliegen oder jedes Ziel aus einem Kilometer Entfernung mit verbundenen Augen mit dem Pfeil ins Schwarze treffen. Es gab keinen Zweifel. Du wusstest, konntest und hattest alles, was du brauchtest, um genau das sei sein, was du wolltest.

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Wer willst du sein?

Und dann? Was ist dann passiert? Dann wurdest du erwachsen. Dann ging das alles auf einmal nämlich nicht mehr. Für die Prinzessin fehlte das Schloss, für den Astronauten die Rakete und die romantischen Indianer aus den Westernfilmen gibt es so heute auch nicht mehr. Schade eigentlich. Geschichte vergessen, Träume begraben, Fähigkeiten auch gleich mit. Und obwohl du immer größer wurdest, wurdest du gleichzeitig immer kleiner.

Deine Geschichte, die von deinen Abenteuern und Freuden erzählt, beschreibt nun nur noch wie du alles daran setzt, deinen Job zu behalten, wie du deine Steuererklärung machst oder das Haus putzt und dich im Hamsterrad drehst.

Und was wäre, wenn du diese, deine Geschichte wieder in die des Cowboys und der Zauberin umschreiben könntest? Geht nicht? Zu spät? Zug schon abgefahren? Dann habe ich hier ein Beispiel von historischer Bedeutung, das das Gegenteil zeigt! Erzählt hat uns dieses unser neuer Freund Leo als wir mit ihm Tempelruinen in Mexico City besuchen.

Wie die Azteken ihre Geschichte schreiben

Also begeben wir uns zurück in das 14. Jahrhundert und zwar nach Mexiko zu den Azteken. Diese zählten zu einem der wüstesten Stämme, die im heutigen Raum Mexikos lebten. Sie waren sogar so wüst, dass die anderen Stämme nichts mit ihnen zu tun haben wollten – sogar dann nicht, als die Azteken hungernd nach Hilfe suchten wurden sie fortgejagt. So zogen sie rund um den See herum, der heute Mexiko Stadt ist, und waren irgendwann vermutlich ziemlich verzweifelt. Aber weg gingen sie offenbar davon auch nicht.

Also sannen die anderen nach einer neuen Möglichkeit, die Azteken loszuwerden. Schließlich überlegten sie sich, den gemeinsamen Feind einfach auf die Insel inmitten des Sees zu schicken. Diese wurde nämlich nur von überaus giftigen Schlangen bevölkert und die sollten dann den unliebsamen neuen Nachbarn endlich den Garaus machen.

Doch es kam irgendwie ganz anders als gedacht: Die Azteken fingen die zahlreichen Kriechtiere und aßen sie einfach auf. Dann entwässerten sie den Boden, gruben Kanäle und bauten Gemüse an – teilweise sogar in Booten. Sie wurden richtig sesshaft und fingen auch alsbald an, ihren Göttern zu huldigen. Die Hauptgötter waren Tlalok, der Gott des Regens, und Huitzilopochtli, der Gott des Krieges. Beide nahmen ausschließlich Menschenopfer als Gabe an. Du kannst dir vorstellen, wie es weiterging. Die Azteken überfielen mit ihren berüchtigten Truppen die Nachbarstämme, machten Sklaven und ließen das Blut in Strömen fließen.

Vom geächteten Stamm zum Erschaffer einer Nation

Ihre Götter wünschten sich offenbar alle 52 Jahre eine neue Schicht um den ihnen geweihten Tempel. Das hatte nebst eines vergrößerten Bauwerks allerdings eine Einweihungszeremonie zur Folge, in der das But nur so strömte. Natürlich primär das Blut von Nicht-Azteken. Die umliegenden Nachbarn bekamen es entsprechend ziemlich intensiv mit der Angst zu tun und versuchten es mit Tributzahlungen bzw. wurden zu diesen angehalten. Die wurden selbstverständlich gerne angenommen, doch die Götter forderten weiterhin ihren Blutzoll. Also schauten die Azteken immer mal wieder bei ihren Nachbarn vorbei und nahmen welche mit.

Nach und nach entwickelten sich die Azteken zum mächtigsten Stamm in Mittelamerika. Da sollte die Geschichte des vertriebene Volksstammes nicht als Makel an ihnen haften bleiben. Sie entschlossen sich also, einen kleinen Kunstgriff zu tätigen und schrieben die Geschichte einfach neu: Die Azteken waren auf der Suche nach einem Ort, um sesshaft zu werden. Es erschien ihnen dabei ein Adler über einer Insel. Er flog auf diese herab und fing eine Schlange, um sie zu verspeisen. So wussten sie, dass dort die ihnen von den Göttern angedachte Heimat sei. Jetzt brauchst du nur zu wissen, dass die Azteken den Adler als einen besonderen Vogel verehrten, um zu verstehen, warum er ihnen so eindrücklich den Weg aufzeigte.

Tja, und weil die Azteken so bedeutend waren, ein Imperium und die heutige Hauptstadt Mexikos gründeten, bekam ihre Adler-Vision das Wahrzeichen auf der Nationalflagge. Wer es ganz genau wissen will, kann ja noch ein bisschen weiter recherchieren.

Mexiko, Pyramid of the Sun, Teotihuacán_DSCF7551_1180

Pyramid of the Sun in Teotihuacán

Die Geschichte verändern, darf man das denn?

Tja, aus psychologischer Sicht handelt sich dabei sogar um ein probates Therapiemittel. Denn, es gibt einen interessanten Fakt: Unser Gehirn kann zwischen Realität, was das objektiv auch immer betrachtet sein mag, und Fiktion nicht differenzieren. Das kennst du ja schon von deine Spielen als Kind. Du warst ganz real ein Indianer oder Astronaut. Eine Geschichte ist also genau dasselbe für unser Denkorgan wie etwas tatsächlich Erlebtes. Vielleicht haben die Azteken das auch schon herausgefunden? Sie haben sich vielleicht auch gedacht, warum als Vertriebener, unliebsamer Stamm durch die Epoche schleichen, wenn man auch als Superstamm Weltgeschichte schreiben kann? Sozusagen vom Tellerwäscher zum Millionär, wenn du verstehst, was ich meine.

Doch derartige Pläne, Millionär, Superheld, Bezwinger von Herausforderungen, kann man eben nicht umsetzen, wenn man von sich das Bild eines Kriechwurms hat. So haben die Azteken es sogar als ganzes Volk geschafft, ein Bild von sich und ihrem Ziel zu entwerfen und ihre Geschichte entsprechend zu schreiben – und zwar rückwärtig und zukünftig. Und diesen Fakt finde ich spannend. Sie hätten ja auch einfach in der Stunde ihrer Not aufgeben und verhungern oder sich den Reptilien zum Fraß vorwerfen können. Wollten sie aber nicht und so haben sie für sich gekämpft. Sie hatten von sich das Bild eines prosperierenden Stammes mit Kultur und offenbar auch weitreichendem Einfluss.

Ach ja, nur um eines sicherzustellen, ich meine jetzt nicht, dass man einzeln oder als komplettes Volk die eigene Geschichte verleugnen oder bei der Verwirklichung seiner Träume über Leichen gehen soll. Die eigene Geschichte zu kennen, ist wichtig. Denn wenn man weiß, wo man herkommt, löst das einige Fragen in der Findung der eigenen Identität. Die Azteken haben sich so verhalten, wie es in ihrer Zeit üblich war. Da standen eben noch Menschenopfer und das gegenseitige Überfallen hoch im Kurs. Heute ist das glücklicherweise aus der Mode gekommen. Ich finde es jedenfalls faszinierend, wie ein ausgestoßener, fast dem Ende geweihter, zugegebenermaßen sehr kriegerischer Stamm, sich einen Lebensraum schafft, eine Kultur aufbaut und über Jahrhunderte die Weltgeschichte prägt.

Experiment: Die eigene Geschichte entwerfen!

Und wie ist das bei uns selbst? Haben wir eine Vision von und für uns? Kämpfen wir immer für das, was uns wichtig ist? In vielen Fällen lautet die Antwort vermutlich: Nein, tun wir nicht. Weil, ja weil, weil wir gerade müde sind, weil der Gegenüber uns dann vielleicht nicht mehr so mag, weil uns Gegenwind erwartet, weil morgen auch noch ein Tag ist, weil unsere Geschichte nun mal die des braven Bürgers, Arbeiters, Nachbarn ist. Gründe gibt es derer viele. Ich glaube, das oft der Hauptgrund ist, dass wir uns einfach nicht vorstellen können, dass unsere Geschichte, unser Leben anders sein könnte als es das gerade ist. Lassen andere oder die Umstände für uns entscheiden und leben irgendein Leben, aber nicht das eigene.

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Wer bist du: Einsamer Steppenwolf, wildes Raubtier, flauschiger Kuschelwolf?

Ist doch ein interessantes Experiment: Ich male mir meine Lebensgeschichte mit mir als Hauptdarsteller aus. Vielleicht auch erst einmal für den nächsten Monat oder die nächste Woche – und zwar mit allen Raffinessen! Wie bin ich? Was zeichnet mich aus? Was erlebe ich? Wie fühle ich mich? Und dann verhalte ich mich eben einfach entsprechend meiner Geschichte. Denn, ich bin ja ihr Autor, ich kann schreiben, was passiert. Und wenn es mal unangenehm ist, überlege ich eben, wie sich der Held der Geschichte verhalten soll und tue es eben. Beim Spielen als Kind kannte ich als Zauberin beispielsweise alle, aber wirklich alle Zauberformeln auswendig und konnte sie in jedweder Situation anwenden und diese in meinem Sinne anpassen. Also warum nicht einfach als Erwachsene dasselbe tun?

Das Ganze klingt zu abstrakt? Ein Beispiel: Vor drei Jahren haben wir uns entschlossen, mit den Motorrädern um die Welt zu knattern. Entsprechend haben wir unsere Geschichte so ausgemalt, dass wir eine tolle Reise erleben werden, Menschen begegnen werden, Herausforderungen meistern, unsere Wohnung erfolgreich untervermieten, unseren Chefs unsere Pläne unterbreiten und insgesamt einer Zukunft entgegen sehen, die nur bedingt planbar ist. Ich habe mir fürderhin vorgestellt, dass ich so lässig und überzeugend zu meinem Chef ins Mitarbeitergespräch gehe, dass ich noch meinen Anschlussvertrag für ein weiteres Jahr unterschreiben und weiterhin tolle Aufgaben haben werde, obwohl ich im selben Atemzug kündige. Hat funktioniert. Musste meinem Chef nur versprechen, eine Postkarte aus Patagonien zu schicken.

Fake it until you make it!

Das ist ebenfalls eine alte Psychologenweisheit. Also einfach so tun, als hätte man die neuen Verhaltensweisen schon verinnerlicht und integriert. Das klappt. Denn, Fiktion und Realität sind dasselbe! Und wenn es nicht beim ersten Versuch funktioniert, dann beim nächsten – auch Superhelden haben ihre Lernkurve.

Die Azteken haben sich bestimmt auf ihrer Schlangeninsel ebenfalls vorgestellt, wie toll es und heimelig es dort einmal werden wird und wie sie dort in schicken Häusern wohnen und Ruhe vor ihren Nachbarn haben werden. Tja, und heute ist die Schlangeninsel sogar die Hauptstadt eines Landes, der Adler aus der Vision ist auf der Nationalflagge. Und es gibt fürderhin sogar diverse Spiele mit den Azteken zum Thema Schätzebergen, vom Brettspiel bis hin zum Online-Game, und Montezumas Rache ist uns auch allen geläufig.

Mehr zum Thema von Amy Cuddy

Wie geht deine Geschichte?

Das Ganze Geschichteschreiben ist schön und gut, es gibt nur eine Sache zu beachten: Es funktioniert nur, wenn die Geschichte von meinen eigenen Herzenswünschen handelt. Wenn ich mir erzähle, dass ich der nächste Cocodile Dundee werde, weil Paul Hogan im Fernsehen so cool und lässig rüberkam, ich aber insgeheim nichts mit den Großechsen zu schaffen haben möchte, dann werde ich höchstens mit dem Stoffalligator beim Filmegucken glückliche Zeiten haben, das Flugticket ins Caiman-Paradies Florida aber nie bezahlen können.

Also kommen wir zurück zum Anfang: Was begeistert mich? Was macht mich glücklich? Was ist etwas, das mir entspricht? Wie soll mein Leben in den schönsten Farben gezeichnet sein? Bei welchen Tätigkeiten lache ich wieder wie ein Kind und vergesse die Welt um mich herum? Welches Verhalten inspiriert mich, lässt mich wachsen, mein Potential entfalten? Wie soll meine Lebensgeschichte lauten, wenn ich sie meinen Enkeln einmal erzähle?

Von diesen Dingen soll meine Geschichte handeln! Denn so wird es keine 0815-Kino-Story, sondern meine ganz eigene. Und das geht nur, wenn sie von meinen Herzenswünschen erzählt. Denn für diese lohnt es sich zu kämpfen, zu arbeiten und Herausforderungen zu bezwingen. Und für die Umsetzung von Herzenswünschen sehen plötzlich alle erforderlichen Ressourcen zur Verfügung.

Also, den mentalen Stift gezückt, die eigene Herzensgeschichte schreiben und sich so erfinden, wie man es sich schon immer vorgestellt hat! Viel Vergnügen dabei, denn das soll das Ganze ja ebenfalls bringen. Zur Inspiration gibt es noch passend zum Thema einen Song der Indie-Band Madsen aus dem Jahre 2006. Den find ich persönlich inspirierend, weil hier die Konfrontation mit uns allen bekannten Herausforderungen in den Kontext der Ewigkeit gesetzt wird und die Quintessenz für mich lautet, dass wir eben mehr sind als nur ein kleiner Augenblick im Getriebe der Zeit. So wie die Azteken.

Madsen – Du schreibst Geschichte

Weil die Welt sich so schnell dreht
Weil die Zeit so schnell vergeht
Kommst du nicht hinterher
Weil die Hektik sich nicht legt
Und du in der Masse untergehst
Bist du ein Tropfen im Meer

Doch du lebst länger als ein Leben lang
Du bist das womit alles begann
Denn du schreibst Geschichte
Mit jedem Schritt
Mit jedem Wort
Setzt du sie fort
Du schreibst Geschichte
An jedem Tag
Denn jetzt und hier
Bist du ein Teil von ihr

Weil ein Monster vor dir steht
Und dir bedrohlich in die Augen sieht
Bist du lieber still
Weil jeder dir erzählt
Wer du bist und was dir fehlt
Vergisst du, was Du sagen willst

Doch du lebst länger als ein Leben lang
Du bist das womit alles begann
Denn du schreibst Geschichte
Mit jedem Schritt
Mit jedem Wort
Setzt du sie fort
Du schreibst Geschichte
An jedem Tag
Denn jetzt und hier
Bist du ein Teil von ihr

Weil du nur einmal lebst
Willst du, dass sich was bewegt
Bevor du gehst
Bevor du gehst

Doch du lebst länger als ein Leben lang
Du bist das womit alles begann
Denn du schreibst Geschichte
Mit jedem Schritt
Mit jedem Wort
Setzt du sie fort
Du schreibst Geschichte
An jedem Tag
Denn jetzt und hier
Bist du ein Teil von ihr

Felicitas

8 Gedanken zu “Du selbst schreibst deine Geschichte

  1. Wilhelmine schreibt:

    Super Beitrag – beeindruckend – ich hätte es nie für möglich gehalten,daß die Geschichte der Azteken Anregung sein könnte, mein eigenes Verhalten zu reflektieren.
    Danke,für den Impuls und den Hinweis, daß es „legitim“ ist, die eigene Geschichte „neu zu schreiben „- und auch,.daß der motivierende Song dazu nicht nur zu hören, sondern auch der Text dazu geschrieben steht.

    MaMa

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    • Weltenstromer schreibt:

      Hallo Mütterlein, Danke für die Rückmeldung. Dass ich so viel über die Azteken nachgedacht habe, liegt zum Teil auch daran, dass Leo so spannend die alten Geschichten erzählt hat. Das war sehr inspirierend. Also direkt eine weitere Lektion in Sachen der Ton macht die Musik (haha, passt ja direkt zum angesprochenen Lied).
      Oft ist, glaub ich, die Herausforderung beim Neuschreiben, sich bewusst zu machen, dass alles geht! Ja, wirklich alles.
      Viele Grüße aus Nicaragua von deiner Felicitas

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  2. Nele schreibt:

    Liebe Felicitas,
    ich habe es ausprobiert und gestern Abend das Drehbuch für meinen heutigen Tag kreiert. Es hat funktioniert! Und das Beste: So wie in den richtig spannenden Kinofilmen, sah es zwischendurch so aus, als würde der Plan nicht aufgehen. Letztendlich führte er jedoch zum perfekten Happy End!
    Vielen Dank für eure Gedanken und Inspirationen und weiterhin viele tolle Abenteuer! Nele Bongen

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    • Weltenstromer schreibt:

      Liebe Nele,
      wow, oh, das freut mich sehr zu hören und berührt mich, dass du das Geschichteschreiben ausprobiert hast – und zwar nicht nur rückwirkend, sondern auch zukünftig. Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie sehr wie selbst steuern, was wir erleben. So kenne ich das Gefühl auch nur zu gut, ein tolles Drehbuch geschrieben zu haben und irgendwie wird es dann doch spannender als geplant…
      Sei ganz herzlich gegrüßt von deiner Felicitas

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