Zu Gast bei Indianern

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir endlich einen Kontakt zu den amerikanischen Ureinwohnern bekommen haben.

Immer, wenn wir unterwegs gefragt haben, ob jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der uns mit Indianern bekannt machen könnte, bekamen wir die selbe Antwort: Fahrt nicht in die Reservate, da ist es nicht sicher, kein guter Ort für Weiße.

Die Ausführungen machen uns zunehmend bestürzt, schließlich haben wir Deutschen dank Karl May und der legendären Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand offenbar eine sehr romantisierte Vorstellung über das Leben im Wilden Westen.

Wounded Knee Massacre

Um einen besseren Eindruck jenseits der Romanwelt zu gewinnen, besuchen wir auf unserem Weg aus den Badlands das Wounded Knee Museum in Wall, South Dakota. Es zeichnet ein tragisches Bild eines von vielen Massakern, bei denen 300 praktisch unbewaffnete Indianer, Männer, Frauen und Kinder von der siebten Kavallerie abgeschlachtet wurden. Die Überlebenden, einst stolze Krieger und Jäger, die über Jahrtausende im Einklang mit der Natur gelebt haben, werden, wie so viele andere amerikanische Ureinwohner, in Reservate gesteckt und einem westlichen Lebensstil unterworfen.

Aber auch die Indianer sind kein unbeschriebenes Blatt. Vierzehn Jahre vor dem Massaker haben sie bei der Schlacht am Little Bighorn die siebte Kavallerie kräftig auseinandergenommen.

Wir haben einen ziemlichen Kloß im Hals, als wir das Museum verlassen. Wir schämen uns für unsere weißen Brüder und all das Unrecht, das geschehen ist und scheinbar immer noch geschieht. Gold, Öl, Großwild und Größenwahn haben wohl in unserer Geschichte schon immer ausgereicht, um andere Menschen zu töten und ihren Lebensraum zu zerstören.

Doch all das ist schon über 150 Jahre her. Wie sieht das Leben heute aus?

Die Einladung ins Wind River Reservat

Wir reisen weiter. Schließlich, am Devil’s Tower, Wyoming, treffen wir auf Zita. Wir dürfen unser Zelt in ihrem Garten für die Nacht aufstellen. Als wir am nächsten Tag zum Frühstück eingeladen werden, stellt sich heraus, dass sie tatsächlich einen Indianer kennt. Er heißt Cleve, lebt in Lander und ist Kunstlehrer an der Schule im Wind River Reservat! Was lange währt…

Cleve und LeannZwei Tage später erreichen wir Lander, nachdem wir eine Nacht am Medicine Wheel in den Big Horn Mountains verbringen. Cleve, seine Frau Lee Anne und ihr lustiger Chau Oso mit Unterbiss heißen uns willkommen und wir dürfen für zwei Wochen Gäste in ihrem Holzhaus sein.

Am Abend gibt es erstmal selbstgejagten Elk (Wapiti Hirsch) für die ausgezehrten Motorradreisenden. Da es sich dabei um SEHR ausgewachsenes Großwild handelt, ist die Zubereitung eine mehrtägige Kochkunst, bis man den Vogel überhaupt kauen kann. Wir preisen Jäger und Köchin und langen zu wie lange nicht mehr, so gut schmeckt der Hirsch.

Wir erzählen von unserer Reise und unserem Anliegen, mehr über die Indianer und ihr heutiges Leben zu erfahren. Cleve verspricht uns, dass uns nicht langweilig werden wird.

Pow Wow in Arapahoe

Unser erstes Erlebnis im Reservat, zu dem Cleve und Lee Anne uns mitnehmen, ist ein Pow Wow, eine Art Tanzfestival, bei dem indianische Tänzer, Männer, Frauen und Kinder von überall herkommen, um in verschiedenen Disziplinen gegeneinander anzutreten.

Da im Reservat der Tag nach Indian Time geplant wird, passiert erstmal gar nichts. Als wir nach europäischer Zeitrechnung schon eine gute Stunde zu spät ankommen, sind alle in Seelenruhe damit beschäftigt, ihre Kostüme herzurichten. Am späten Nachmittag füllen sich dann langsam die Reihen. Erstes Getrommel ist zu hören und der Showmaster schließt die Technik an.

Als dann die Sonne fast untergeht kommt plötzlich Leben in die Truppe. Zu traditioneller Trommel und Gesang laufen die Tänzer ein – ein unbeschreibliches Schauspiel aus Charakteren und farbenfrohen Kostümen.

Schwitzhütte mit Hooter

In Belgien habe wir bereits schon mehrere schamanische Schwitzhütten besucht. Umso begeisterter sind wir, dass uns Cleve zu einer „echten“ Schwitzhütte bei seinem Freund Hooter einschleust. Wir fühlen uns sehr geehrt, sind wir doch die einzigen Weißen bei dieser Zeremonie.

In völliger Finsternis garen wir mit unseren indianischen Gastgebern in der Glut der Steine. Gesänge, Räucherwerk, Gebetsrunden, Aufgüsse und medizinische Getränke wechseln sich ab. Der große Geist durchströmt unsere Körper.

Als wir irgendwann in der Nacht nach vier Stunden wieder ins Freie torkeln, sind wir beseelt von der Freundschaft unserer Roten Brüder und Schwestern und ihrer Verbindung zu Großmutter Erde.

Indianischer Kunstunterricht

Kunstlehrer Cleve lässt sich nicht lumpen und reiht uns in die Bänke seiner Schüler ein. Thema heute: Tierschädel malen. Vor uns liegen diverse ausgeblichene Bisonschädel, jeder bekommt Zeichencarton und weiße sowie braune Kreide. Cleve doziert die Vorgehensweise: Malt die hellen und die dunklen Formen und dann, plötzlich, wird der Schädel auf eurem Papier erscheinen.

Nun, in der ersten Kunststunde erscheint was anderes auf unserem Papier, nachdem wir fleißig mit den anderen Indianerschülern helle und dunkle Formen gezeichnet haben. Nach Bisonschädel sieht das jedenfalls nicht aus. Cleve ist gnädig und prophezeit, dass Practice den Meister macht.

Da wir heute nur Kunstunterricht haben, sitzen wir auch mit den nächsten beiden Klassen bei funzliger Beleuchtung im Atelier der Wind River High School und hören Cleve’s Carlos Santana Platten, während wir helle und dunkle Formen auf Carton malen.

Und dann, plötzlich, erscheint der Schädel auf Papier! Wir sind stolz wie Brötchen, dass wir nach indianischen Gesichtspunkten doch nicht völlig talentfrei sind. Der Blutsbruderschaft steht nichts mehr im Weg. Man muss halt üben!

Weltenstromer Reisevortrag in der Wind River Elementary School

Jedenfalls sind Cleve’s Schüler sehr neugierig auf uns geworden. Mit dem Motorrad um die Welt zu fahren begeistert alle.

Cleve drängt uns, in der Schule einen Vortrag am Freitagnachmittag über unsere Reise zu halten. Wie wir über den Tellerrand hinauszublicken, unsere Ängste überwinden und unserem Herzen folgen.

Wir haben also noch zwei Tage Zeit, unseren ersten Reisevortrag aus dem Boden zu stampfen. Es sollte schließlich auch nicht langweilig werden, wie Cleve uns ja eingangs ankündigte. Wir sehen unsere Fotos durch und basteln den Plot um unsere spannendsten Erlebnisse auf dieser Reise. Wie wir in New York ankommen, Doris uns in Amerika willkommen heißt und uns mit den Amish People bekannt macht, wie wir uns vor Kojoten und Bisons fürchten. Und wir erzählen von der unglaublichen Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die uns überall begegnet.

Als wir wegen Indian Time den Vortrag dann am Freitag in der Turnhalle spontan doch um die Hälfte einkürzen müssen, schauen uns fünfzig Paar begeisterte braune Augen an. Unser erster öffentlicher Auftritt ist ein voller Erfolg. Kinder und Lehrer schütteln uns die Hände, Fotos werden gemacht.

Friedensarbeit

Die nächsten Tage verbringen wir leise und denken über unser Leben nach. Immer wieder kommen wir zu dem Schluss, wie wichtig es ist, dass wir endlich begreifen, dass alle Völker auf dieser Erde friedlich zusammenleben und lernen, einander zu bereichern. Weiße sind gut darin, sich technischen Kram auszudenken, Rote sind gut darin, Harmonie mit der Erde herzustellen. Wer kann sagen, dass das eine besser sei als das andere? Wir können sagen, dass beides einander bedingt. Beide können voneinander lernen und sich helfen. Und nur so kann unser blauer Planet gerettet werden.

Wir werden von Bill und Joann zu einer Friedenspfeifen Zeremonie anlässlich des Attentats auf die Twin Tower in New York am elften September 2001  eingeladen. Im Kreis von Roten und Weißen wandert die Friedenspfeife von Hand zu Mund. Unsere Herzen beten für den Frieden in der Welt und dass die Menschen endlich verstehen, dass sie jeden Krieg immer nur gegen sich selbst führen.

Nach zwei intensiven und bewegenden Wochen machen wir uns wieder auf die Räder. Im Yellowstone Nationalpark soll jeden Moment der erste Schnee fallen und wir wollen diese Landschaft, die einst der Lebensraum der Indianer war, auf jeden Fall noch sehen. Wir verabschieden uns von Cleve, Lee Anne und Oso.

May peace become our presence.

Ahough.

Andreas


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3 Gedanken zu “Zu Gast bei Indianern

  1. Schäfer Heidi schreibt:

    Ein wenig neidisch bin ich ja schon auf diese ganzen wundervollen Erfahrungen und Eindrücke, die Euch tagtäglich begegnen…
    Aber es ist schön, Euch vom gemütlichen Sofa aus bei Eurem Abenteuer begleiten zu können.

    Ja, nicht jeder hat die Möglichkeit, einmal derart aus dem Alltag auszubrechen. Und ja, man kann nicht immer machen, was man will. Aber in den meisten Fällen stehen wir selbst unseren Träumen im Weg.

    Das Leben ist jedenfalls zu kurz, um kein Abenteuer daraus zu machen. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie das Eure weitergeht!

    Liebe Grüße aus dem herbstlichen Rheinland! 😘

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    • Weltenstromer schreibt:

      Hey Heidi, oh ja, Zeit auf dem Sofa ist was Feines. Da kann der Alltag ein bisschen auf Seite rücken und die Träume in den Mittelpunkt! Wir stellen für uns fest, es hat sich bereits schon jetzt gelohnt, uns auf den Weg zu machen und unseren Wunsch wahr werden zu lassen.

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