Mexikos Polizei ist ja so korrupt

Das ist jedenfalls die mehrheitlich beschlossene, um nicht zu sagen, einhellige Meinung vieler Amerikaner. Die Polizei hält einen auf jeden Fall an und findet Gründe, einem Strafzettel aufzubrummen. Die wird man nur los, indem man den Officer dezent besticht. Mindestens 400 Mexikanische Dollar sind dafür erforderlich (20 Euro), wird uns anvertraut. Das war jedenfalls einer der aufgeführten Gründe, warum wir nicht nach Mexiko reisen sollten.

Die Bösen sind immer die anderen

Wenn die Amerikaner wüssten, dass in Deutschland alle vorm Campen in den USA warnten wegen der Bären und Kojoten und wir deswegen eigentlich auch schon nicht nach Nordamerika fahren sollten, müssten sie vermutlich lachen und sich insgesamt wundern.

Es sind wirklich zwei Welten, die an der Grenze zu Mexiko aufeinanderprallen. Wir haben das Gefühl, in den USA ist irgendwie alles okay, klar finden sich Osten, Westen Norden und Süden nicht wirklich sympathisch, die eine Bevölkerungsgruppe ist irgendwie doof, die andere Partei besser. Doch einig sind sich alle: Die in Mexiko sind von der ganz üblen Sorte, jedenfalls meistens. Sagen zumeist diejenigen, die nie da waren.

Zusammentreffen mit der Polizei

Tja, und kaum sind wir drei Tage in Mexiko unterwegs, kommt es tatsächlich so wie es kommen musste. Wir stehen am Straßenrand hinter San Felipe und lassen wegen der üblen Straßenverhältnisse Luftdruck ab. Die Reifen sollen schließlich nicht in einem der Paris-Dakar-Ralley tauglichen Schlaglöcher explodieren. Und dann geschieht es: Ein extrem großes (und sehr cooles – sorry, Deutschland) Polizeiauto zieht hinter uns mit Blaulicht auf den Seitenstreifen. In einer kinotauglichen Staubwolke steigen drei bewaffnete Beamte mit obligatorischer Schirmmütze und Sonnenbrille aus.

Noch sehen die freundlich aus, aber für wie lange? Was haben wir falsch gemacht? Wofür wollen sie jetzt Gründe finden, um Geld zu bekommen? Wieviel Bestechungsgeld brauchen die noch mal?

Alle Horrorszenarien rattern durch den Kopf. Ich weiß ja nur, was man mir über die mexikanische Polizei berichtet hat.

Jetzt will einer der Beamten, der nebenbei gesagt richtig gut englisch spricht, ein Foto von uns machen. Au Backe, denke ich. Dann landen wir mit Gesicht und Nummernschild in einer Verbrecherkartei. Alle Polizisten werden nach uns Ausschau halten um uns auszunehmen.

Und dann kam es doch ganz anders

Und dann merke ich, dass ich vor lauter Kopfkino einen Teil seiner Erläuterung gar nicht mitbekommen habe: Die mexikanische Polizei hat derzeit eine Kampagne „Polizei hilft Touristen“ oder so ähnlich am Laufen. Sie wollen ein Foto machen, wie ihr Chef mir beim Helmaufsetzen behilflich ist. Die Polizei, dein Freund und Helfer. Also heißt es losposiert und langsam entspannen wir uns.

Nun wollen wir aber auch unser eigenes Foto haben. Ehrensache, dass die Polizeikutsche extra für uns umgesetzt und in die perfekte Position gefahren wird. Der Chef steigt auch noch mal aus. Alle Mann ab vor dir Vehikel und Zahnpastalächeln gezeigt.

Die Streife will auf jeden Fall das Foto von ihnen auf Facebook sehen, sagen sie. Dann beraten sie uns bestimmt noch 15 Minuten lang, welche Route wir nehmen sollten, wie die Straßenverhätnisse wo wären, wo wir essen und bedenkenlos übernachten können. Richtig herzlich. Die Empfelung eines Zeltplatzes am Stand war übrigens sehr gut!

Geld wollte hier keiner sehen.

Gepflegtes Vorurteil

An dem Treff mit der Plolizei zeigt sich mal wieder, wie stark Vorurteile sind, die wir über andere haben. Das kann dazu führen, dass man jemanden nicht versteht oder ein Land erst gar nicht besuchen will. Ganz allgemein halten uns unsere vorgefassten Meinungen erst einmal ab. Sie halten davon ab, eine reale Erfahrung zu sammeln und verhindern, dass wir uns Unbekanntem zuwenden.

Es ist wie das Leben in einem Goldfischglas. Innen ist die Welt in Ordnung. Die Wasserpflanze schön grün, der Kies sauber geharkt. Außerhalb des eigenen Glases jedoch tummeln sich die Unholde. Die sehen komisch aus, bewegen sich absonderlich. Irgendwie sind die Farben auch ganz anders. Alles ein bisschen unheimlich. Nur gut, dass man selbst hier drinnen sitzt und die Doofen da draußen sind. Dass Wasser, Glas und Spiegelung jedoch die Sicht verzerren könnten, kommt nicht in den Sinn.

Stereotypen und Vorurteile gegenüber einem ganzen Land

Interessant ist, dass man nicht nur einer Person gegenüber ein Vorurteil empfinden kann, sondern sogar ein ganzes Land über ein anderes. In manchen Fällen treffen die Stereotypen durchaus zu. Im Allgemeinen wird den Deutschen ja beispielsweise zugesprochen, dass sie sehr pünktlich sind. Das mag für die Mehrheit zutreffen, doch gibt es immer wieder jemanden, der sich verspätet oder Termine nicht einhält. Also kann man festhalten, dass für den Großteil eine Annahme zutrifft, jedoch nicht für alle zu 100% und in allen Situationen. (Weiterführende Literatur zum Thema: Die Bedeutung von Vorurteil und Stereotyp im interkulturellen Handeln; Thomas, Alexander.)

In Mexiko wird es bestimmt Polizisten geben, die aufgrund ihres geringen Einkommens Gründe für Strafzettel finden wollen. Irgendwo muss das ja passieren, sonst wäre die Meinung ja nicht so einhellig. Doch wie wir erlebt haben, gibt es eben auch andere Beamte. Das ist wichtig, im Kopf zu behalten und nicht gleich alle über einen Kamm zu scheren.

Für unsere Reise heißt das, dass wir also sorgfältig trennen sollten zwischen einer Globalaussage über ein Land und wie Menschen dort sind und den tatsächlich realen Begegnungen, die wir haben. Und noch wichtiger ist es, das eigene Handeln an den tatsächlichen Begebenheiten auszurichten und nicht im Vorhinein sich von dem Stereotypen überlisten zu lassen und so Furcht, Ärger, Misstrauen wachsen zu lassen.

Die Geschichte mit dem Hammer – von Paul Watzlawick

Abrunden und abschließen möchte ich das Thema Grenzen im Kopf mit Worten von Paul Watzlawick, einem grandiosesten Sprachwissenschaftler. Er hat eine kleine Geschichte in seiner Anleitung zum Unglücklichsein geschrieben, die herrlich genau aufzeigt, wie unser Vor-Urteil und Kopfkino unser Denken und Handeln beeinflussen.

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar ihm den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er ihn nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen ihn. Und was? Er hat ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von ihm ein Werkzeug borgen wollte, er gäbe es ihm sofort. Und warum sein Nachbar nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen ausschlagen? Leute wie der Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet der Nachbar sich noch ein, er sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s ihm aber wirklich. Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er „Guten Morgen“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“

Felicitas

6 Gedanken zu “Mexikos Polizei ist ja so korrupt

  1. Mike, der Käfer, Bulli, Jetta, und KLR fahrer aus Kanada schreibt:

    Stimmt auch. Naturlich, da sind schlechte Menschen, aber die meisten sind in ordnung. Schön geschrieben, Felicitas. 🙂

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  2. peifelchen schreibt:

    wieder mal ein klasse Beitrag…danke dafür.
    Euren Blog zu verfolgen macht wirklich Spaß und ich freue mich über die Vielseitigkeit eurer Beiträge👍

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