V-Strom Kupplung reparieren – in Bolivien

Es hätte kaum einen schlechteren Zeitpunkt für das Versagen der Kupplung von Felicitas‘ DL650 V-Strom auf unserer Motorrad-Weltreise als in Bolivien geben können. Aber bekanntermaßen kommen ja immer mehrere ungünstige Faktoren zusammen, damit größere Probleme entstehen. In unserem Fall heißen diese: Kupplung geht im Nirgendwo in die Fritten, ungewöhnlicher Regen auf dem Salar de Uyuni, der den Untergrund auf dem Salzsee über viele Kilometer zu einer zähen Matsche und den Weg zur Werkstatt zur Marter werden ließ und – wie sich gleich herausstellen wird – ausgeleierte Kupplungsfedern und eine falsche Anzahl (!) an Kupplungsscheiben. Und als kleines Sur-Plus am Rande: Bolivien ist das einzige Land auf unserer Amerika-Reise, in dem es keine DL 650 gibt…

Aber eins nach dem anderen.

Kupplungsautopsie bei Nomada Experience in Uyuni

Nach unserer Ankunft in Uyuni sind wir heilfroh, in der Garage von Huascar, Robin und Fatima von Nomada Experience die kaputte Kupplung von Felicitas‘ V-Strom reparieren zu dürfen. Das Öffnen des Motorgehäuses geht schnell von der Hand. Unterfahrschutz runter, Motoröl und Kühlwasser ablassen und dann den rechten Motordeckel abgeschraubt. Bei zehn Jahre alten Mopeds geht dabei traditionell die Dichtung des Motordeckels kaputt – so auch in unserem Fall.

Nach dem Lösen der sechs Kupplungsfedern entferne ich die Kupplungs-Druckplatte und es offenbart sich das volle Desaster: Mehrere Kupplungsscheiben sind gebrochen, haben sich komplett zerlegt und im Kupplungskorb verhakt (siehe Titelbild). Entsprechend ramponiert sieht auch die Druckplatte aus, die muss wohl zum Planen auf die Drehbank von Fatimas Bruder, der ist nämlich professioneller Feinmechaniker.

Eine Stunde brauche ich, um mit Zange und Schraubenzieher bewaffnet die Bruchstücke aus dem Kupplungskorb zu operieren und mit Lappen und Benzin die Späne aus dem Motorgehäuse zu wischen. Zum Glück ist der Kupplungskorb unbeschädigt.

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Penibel muss das ganze Kupplungs-Müsli mit Benzin aus dem Motor gespült werden. Ich habe dazu auch den Auspuff demontiert, um zur besseren Reinigung neben der Öl-Ablassschraube (24) auch den Verschlussstopfen (22) unter dem Ölsieb aufschrauben zu können (siehe www.cmsnl.com).

Auf der Suche nach der Fehlerursache studiere ich das Werkstatthandbuch, dass ich als pdf auf meinem iPad habe. Einem inneren Impuls folgend, zähle ich die Kupplungsscheiben nach – und dann nochmal. Laut Werkstatthandbuch sollten es sieben Belagscheiben (4) & (5) und sechs Kupplungsstahlscheiben (6) sein (siehe www.vstrom.info). In Felicitas‘ V-Strom sind aber nur sechs Belagscheiben und dafür sieben Stahlscheiben verbaut. Das Kupplungspaket hat also zu wenig Reibfläche und ist außerdem zu dünn! Zusätzlich sind die Kupplungsfedern verschlissen und fünf Milimeter unter Toleranz. Nicht gut..

Wir brauchen ein neues Kupplungskit

Wir brauchen also neue Kupplungsscheiben, -federn und eine neue Dichtung für den Motordeckel. Noch sind wir frohen Mutes, schließlich haben wir bisher in jedem unserer Reiseländer die gute DL 650 angetroffen. Doch unser Optimismus schmälert sich schnell als klar wird, dass es ausgerechnet in Bolivien keine Ersatzteile gibt. Ein Such-Schauspiel sondergleichen beginnt und erstreckt sich über die nächsten Tage. Ich poste in allen möglichen Facebook-Gruppen, während Huascar seine Motorrad-Kumpels abtelefoniert. Bei unseren Freunden von Suzuki in Kolumbien, wo wir noch vor ein paar Monaten die Maschinen haben überholen lassen, ist ausgerechnet jetzt Feiertag. Da müssen wir uns noch mit der Antwort gedulden.

Ersatzteilsuche mit Social Media

Ein erster Hoffnungsschimmer tut sich auf: In der Facebook-Gruppe Horizons Unlimited Motorcycle Adventure Travellers bekomme ich den Kontakt zum Suzuki- und Kawasaki-Händler Moto Hell in Quito, Ecuador. Wenige Stunden später liegt auch schon das Angebot für Kupplung und Versand vor: 300 US$ zuzüglich bolivianischem Zoll will Moto Hell haben. Oha, das ist ein saftiger Preis. Da suchen wir doch lieber noch ein bisschen weiter.

Am nächsten Tag meldet sich, ebenfalls über Facebook, jemand aus Cochabamba, Bolivien. Er hat Kontakte zu einem Ersatzteile-Importeur und will uns für 100 US$ die Kupplungsscheiben mit dem nächsten Flugzeug schicken. Das klingt doch schon viel besser! Huascar überweist ihm für uns das Geld und wir sehen siegreich dem glorreichen Ausgang unseres nächsten Abenteuers entgegen. Wie wohl das Weltreisen noch vor zwanzig Jahren war, als es kein Internet, soziale Medien und Motorradfahrer-Facebook-Gruppen gab?

Am nächsten Morgen dürfen wir dann statt geliefertem Paket doch eine authentische, bolivianische Weltreiseerfahrung machen. Es stellt sich nämlich heraus, dass es in Cochabamba zum einen nur zwei Kupplungsscheiben gibt und diese zum anderen statt für unsere DL 650 für die gute alte DR 650 sind – und natürlich nicht passen. Wenigstens kommt das Geld postwendend zurück. Also heißt es: weitersuchen.

Rettung durch Suzuki Bogotá

Mittlerweile sind die Feiertage in Kolumbien vorbei und wir können mit Sebastian von Suzuki Bogotá sprechen. Fatima übernimmt die Telefonate für uns, dass macht die Kommunikation doch deutlich einfacher. Sebastian hat eine Kupplung auf Lager, allerdings vom 2012er Modell. Er versichert uns aber, dass sie auch für ältere V-Stroms passt. Sie soll 95 US$ kosten, dazu kommen noch 65 US$ Express-Versand mit FedEx – und der unberechenbare bolivianische Zoll. Versenden könne er gleich Montag Morgen, die Lieferung würde dann noch ca. eine Woche dauern. Wiedermal ist auf Suzuki Kolumbien Verlass! Fatima düst mit uns zur Bank und hilft uns, mit MoneyGram das Geld zu überweisen.

Warten auf die Post

Wir vertrödeln die nächsten Tage in Uyuni ohne besondere Aktivitäten. Wir erholen uns vom Stress und den jüngsten Reisestrapazen mit Nichtstun, am-Blog-Arbeiten und leckerem Essen. Fatima hat einige Jahre in Deutschland gewohnt und verwöhnt uns mit allerlei Köstlichkeiten, die uns sehr ein Gefühl von Zuhause geben. Sie besorgt sogar frische Fleischwurst zum Frühstück!

Andreas, Bolivien, Fatima, Felicitas, Frühstück, La Paz_DSCF1710_1180.jpg

Fatima verwöhnt uns mit deutschem Frühstück: Es gibt frische Fleischwurst und echten Käse!

Lange währt die Ruhe allerdings nicht, zwei Tage später meldet sich der bolivianische Zoll. Da wäre so ein Paket, wir müssten noch jede Menge Geld überweisen und man wüsste auch nicht, wann das weitergeschickt werden könnte und wohin überhaupt.

Aaah!

Fatima greift wieder für uns zum Hörer und telefoniert stundenlang irgendwelchen Zollheinis hinterher, deklariert die Kupplung als Nähmaschinenteile (damit die Steuer günstiger wird), sendet Beschwerdenachrichten über den schlechten Service und dass sie nicht bereit sei, dafür auch noch die verlangte Servicegebühr zu bezahlen, wo sie doch schon alles selber machen müsse. Schlussendlich müssen wir NUR noch 70 US$ für Zoll ohne Servicegebühr überweisen.

Einen Tag später erhalten wir die Nachricht, dass das Paket freigegeben und auf dem Weg nach Uyuni sei. Oh man, ohne Fatima hätten wir das nie geschafft!

Kupplungslieferung und Einbau

Mit Spannung sitze ich am Morgen des Auslieferungstages an der Tür von Nomada Experience und warte auf die Post. Nichts passiert. Mittags hängt sich Fatima wieder ans Telefon und kriegt wenige Stunden später raus, dass das Paket tatsächlich in Uyuni ist – und sich seit heute morgen an der Bushaltestelle befindet. Frustriert über die unnötige Verzögerung stapfen wir also zur Bushaltestelle und holen das Paket aus einem der unzähligen trüben und staubigen Mini-Geschäfte ab. Endlich! Hoffentlich passt alles… ich glaube das erst, wenn Sir Bumblebee wieder fährt!

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Nach wochenlangem Gerenne und Telefoniere halten wir endlich das Kupplungskit aus Kolumbien in Händen.

Etwas nervös wickle ich das Paket aus und lege alle neuen Teile auf die alten, um zu sehen, ob sie identisch sind. Wir sitzen nun schon seit zwei Wochen in Uyuni fest. Wenn jetzt noch was schiefläuft, geht uns die Zeit aus. Wir müssen in zwei Wochen zur Verschiffung unserer Motorräder in Valparaiso sein.

Kupplungsscheiben und Dichtung sind tatsächlich identisch – nur die Kupplungsfedern sind deutlich länger, als sie sein sollten. Ich will trotzdem probieren, ob ich sie verwenden kann.

Mit Feile bewaffnet mache ich mich nun an die Anprobe der Kupplungsscheiben in den Kupplungskorb. Vorsichtig entferne ich ein paar Rattermarken, bis sich alle Scheiben ohne Klemmen und Haken einführen lassen. Passt! Ich atme auf. Sollten wir uns schließlich auf der Zielgraden befinden?

Passen die Kupplungsfedern der 2012er V-Strom?

Fehlen nur noch die Kupplungsfedern und Sir Bumblebee ist fast wieder flugfein! Leider stellt sich heraus, dass Suzuki bei der Modellpflege der 2012er V-Strom doch etwas an der Kupplung geändert hat. Die neuen Federn lassen sich zwar in die 2008er V-Strom einbauen, die Kupplung lässt sich aber nur sehr schwer ziehen.

Mit Mechaniker Robin rätsele ich, was zu tun ist. Mit neuen Federn kann man die Kupplung kaum ziehen, die alten sind ausgeleiert und bergen das Risiko, dass die neuen Kumpungsscheiben bei der nächsten offroad-Volllastaktion wieder abbrennen. Als Kompromiss baue ich schließlich alles mit drei neuen und drei alten Federn zusammen.

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V-Strom Kupplung mit drei alten 2008er und drei neuen 2012er Kupplungsfedern kurz vor dem Festschrauben. Die Kupplung fühlt sich trotzdem sehr steif an.

Die Motordeckeldichtung des 2012er Modells passt hingegenwieder tadellos und so dauert es nicht mehr lange, bis auch Motoröl und Kühlflüssigkeit aufgefüllt sind. Dann der große Moment: Wird alles funktionieren?

Test der neuen Kupplung

Ich drücke auf den Startknopf, der Motor springt an. Vorsichtig lege ich den ersten Gang ein – und muss ernüchtert feststellen, dass auch mit nur drei neuen Federn die Rückstellkraft so groß ist, dass die Kupplung nicht sauber trennt und das Getriebe nicht vernünftig schaltbar ist. Mist! Also Öl und Kühlwasser wieder raus und alles nochmal auseinander. Bis Deutschland wird Felicitas wohl oder übel mit den alten Federn weiterfahren müssen.

Wenige Stunden später sind die Federn auf die sechs alten zurückgetauscht, der Motor wieder zusammengebaut und erneut mit Betriebsmitteln geflutet. Druck auf den Startknopf, Motor springt an, Gang eingelegt – und alles funktioniert! Sanft und präzise greift die neue Kupplung. Bleibt zu testen, ob die niedrige Andrückkraft der alten Federn ausreicht, dass die Kupplung bei starker Belastung nicht rutscht. Ich fahre den Motor in den staubigen Gassen von Uyuni kurz warm und gebe dann auf der Hauptstraße Vollgas. Die V-Strom beschleunigt, ohne dass ich ein Rutschen der Kupplung feststellen kann. Auch als ich gleichzeitig die Hinterradbremse trete, um bei Vollgas eine konstante Geschwindigkeit zu halten, rutscht nichts und die Motordrehzahl bleibt konstant!

Endlich wieder frei

Es ist geschafft, wir können endlich wieder auf die Straße! Was für eine nervenzehrende Zeit. Ohne die tatkräftige Unterstützung von Fatima, Robin und Huascar hätte alles sicherlich noch viel länger gedauert. Wir können es kaum erwarten, die Koffer zu packen, die Stromsis zu satteln und uns auf den Weg gen Süden über die legenfäre Laguna Route zu machen. Vielen Dank für eure Gastfreundschaft und die großartige Hilfe!

Nomada Experience, Salar de Uyuni, Suzuki, Weltreise_DSCF1669_1180

Die Crew: Tourorganisatorin und Überzeugungskünstlerin Fatima, Inhaber Huascar, Mechaniker Robin, wir und zwei Leihmotorräder von Nomada Experience.

Andreas


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3 Gedanken zu “V-Strom Kupplung reparieren – in Bolivien

  1. Mike, der Käfer, Bulli, Jetta, und KLR fahrer aus Kanada schreibt:

    Die Federn, normaleweise gehen nur kaputt wenn die zu Heiß werden. Mann kann das sehen wenn die blau sind. Mach dir keine sorgen; wird warscheinlich ok sein. Ist besser alles 3 neue Federn–vielleicht konte die Kupplung Deckel das nicht vertragen.Hoffentlich hast du den Ölfilter aus getauscht. Wenn nicht, mach es sofort oder mindestens raus nehmen und sauber machen. Du willst nicht dass der Motor nicht genug Öl hat. Alles Gute!

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