Live in Kolumbien

Nachdem die erste Woche in Bogotá mit jeder Menge Arbeit rund um unsere Motorräder, Suzuki und unseren Blog vorbei ist, habe ich ein bisschen einen Durchhänger. Die Reise durch Zentralamerika und die aufwändige Logistik, um unsere Motorräder über den Darian Gap nach Kolumbien zu verfliegen, war ziemlich anstrengend und jetzt, wo sich die Anspannung langsam löst, merke ich, wie ausgepustet ich bin.

Lustlos und unmotiviert sitze ich ein paar Tage im Chocolate Hostel und daddel auf meinem iPad herum. Auf das Dach trommelt monoton die kolumbianische Regenzeit und der wolkenverhangene Himmel hüllt die Stadt in ein graues Licht. Ich bin wenig motiviert einen Blick in die umliegenden Gässchen zu werfen. Als wir dann doch an einer Stadtführung teilnehmen, endet diese bereits nach einer Stunde in einem Café. Der nächste Wolkenbruch schüttet vor dem Fenster das Kopfsteinpflaster hinunter.

Die kolumbianische Regenzeit ist nicht zimperlich: Wasser marsch!

Ob es letztendlich das Wetter ist, weiß ich nicht. Jedenfalls füllt sich der Wohnbereich unseres Hostels von Abend zu Abend mit mehr Straßenmusikern. Fast alle stammen aus Venezuela und sind aus politischen Gründen in die große weite Welt gezogen, um ihr Glück anderswo zu suchen. Für die meisten ist Kolumbiens Hauptstadt Bogotá die erste Anlaufstelle für den internationalen Durchbruch.

Eines Abends höre ich sie unten wieder jammen. Klingt richtig gut, wie sie mit Lateinamerikanischem Feeling das Wohnzimmer rocken. Ich bekomme Lust, endlich mal wieder meine Ukulele aus den zehn Müllsäcken zu wickeln, in die ich sie zwecks Staub-, Regen-, Hitze- und Rappelpisten-Schutz gewickelt auf einem Motorradkoffer transportiere. Ich packe mein Instrument aus, stimme die Saiten und klettere die schmale Wendeltreppe nach unten. Eine weitreichende Entscheidung, wie sich knapp eine Woche später herausstellen wird.

Unten treffe ich auf Hostelvater Raymond, der mit den Brüdern Victor und Kevin gerade einen Reggae-Song aus eigener Feder einstudiert. Raymond hat irgendwoher einen Elektrobass aufgetrieben, Victor und Kevin haben ihre Klampfen dabei. Mit authentisch rauchiger Stimme grooven die drei Venezueler, dass es Bob Marley persönlich den Joint entzündet hätte.

Etwas unsicher stelle ich mich als doch sehr weißer Deutscher mit Trekkinghose und Fleece-Pulli den Rastazöpfen vor. Ob ich vielleicht ein bisschen mitspielen dürfte. Ich darf. Die venezuelanische Herzlichkeit und Offenheit macht auch vor anerkanntem Kulturgut nicht halt. Nachdem ich meine Ukulele dann noch fast einen ganzen Ton tiefer gestimmt habe, schwinge ich mich auf die Truppe ein. Wir finden schnell zueinander. Obwohl ich noch nie in meinem Leben Reggae gespielt habe, mit den dreien hier passt es einfach.

Victor, Kevin und Raymond bereiten sich auf ein Konzert am kommenden Samstag vor. Wir spielen mehrere Stücke ohne Noten, Notizen, Akkorde oder Text. Das sollte man mal in einer deutschen Probe erleben! Als wir uns nach fast zwei Stunden feiner Musik zum Abschied die Hände schütteln, fragen sie mich, ob ich nicht mit ihnen zusammen am Samstag auftreten will. Äh, was? Vanilla auf einem Reggae-Konzert in Bogotá? Mh. Warum eigentlich nicht!

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Die nächsten beiden Tage regnet es nicht nur tagsüber sondern auch abends, sodass zu vereinbarten Probenterminen niemand erscheint. Auch zum alternativ am darauffolgenden Morgen vereinbarten Treffen, zu dem ich vorsorglich extra eine Stunde zu spät aufschlage, bin ich allein. Ich habe erfahren, dass noch weitere Musiker mit konzertieren werden. Als strukturliebender Deutscher, der ja doch morgen Abend einen großen Auftritt haben soll mit Leuten, die er noch nie gesehen, geschweige denn mit ihnen geprobt hat und der noch nicht mal die Hälfte der Stücke je angespielt hat – nun ja. Was soll ich sagen. Ich muss einfach noch viel relaxter werden. Zehn Monate Weltreise reichen jedenfalls noch nicht, um mich voll und ganz auf die Entspanntheit der Reggae-Szene einzulassen.

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Im Kreise unserer neuen venezolanischen Freunde

Als ich später auf der Suche nach Kevin in seinem Hostel stehe, wird er von einer Mitbewohnerin durch Geklopfe an der Tür unsanft aus seinem Künstlerschlaf gerissen. Kevin hat Migräne, die er mit einer Reggae-gemäßen Kräuterzigarette auszutreiben versucht. Wir sitzen im „Raucherzimmer“ seines Hostels, wo sich auch andere Bewohner zum Paffen einfinden. Mir wird schon vom bloßen Dasitzen ganz schummrig. Ich stimme meine Ukulele wieder fast einen ganzen Ton tiefer und Kevin und ich spielen ein paar Stücke an. Nach einer Stunde erscheint noch Solo-Gitarrist Brayan, die restlichen Bandmitglieder lassen sich entschuldigen. Man würde auf die Fünfuhr-Probe morgen vor dem Konzert setzen.

Wen wundert’s, die Fünfuhr-Probe findet natürlich auch nicht statt. Auch zum Soundcheck im L`Aldea Cultural Nicho sind nie alle Musiker zeitgleich da. Nebenbei erfahre ich, dass wir der Topact des Abends sein werden. Klar. Mittlerweile bin auch ich entspannt. Ich habe mir an der Bar vor einer halben Stunde meinen ersten Tee bestellt. Coca-Tee.

Zusammengepfercht sitze ich kurz darauf, meine Ukulele auf dem Schoß und meinen Tee in der Hand, mit den anderen Künstlern im Warteraum. So muss sich die Nationalelf vor einem großen Spiel vorkommen. Nur hat die wohl nicht so rote Augen… Dann werden auch wir angekündigt: „Raices Naturales!“. Applaus brandet auf. Tür auf, raus auf die Bühne. Der Saal ist gut gefüllt. Mal sehen, wer heute mitspielt: Neben den Bandleadern Victor und Kevin sind Raymond mit Bass und Maracas, Brayan an der Sologitarre, Jaser an der Cajon und ich an der Ukulele am Start. Kevin ergreift das Mikrofon. Wir fangen an.

Andreas, Bogotá, Konzert, L`Aldea Cultural Nicho, live, Raices Naturales, Reggae, Ukulele_DSCF9537_1180

Und dann geht es los, als hätten wir schon immer zusammengespielt.

Auf mystische Art ergreift uns der Geist von Bob Marley. Wir legen los, als hätten wir nie etwas anderes in unserem Leben getan. Meine Musikerkollegen und ich improvisieren uns durch die Playlist. Eigentlich ne coole Sache. Sollten wir in Deutschland auch mehr machen.

„Ey was geht ab, Alter?“
„Jou, Alter, haste nich Bock am Samstag ma die Johannespassion von Bach aufzuführen?“
„Jou, Alter, lass mal treffen! Ich besorg die anderen dreißig Bratschen!“
„Jou, Alter, vergiss den Weihrauch nich!“

Schade eigentlich, dass es dann doch so schnell vorbei war. Um halb eins in der Nacht liege ich erschöpft aber zufrieden in meiner Koje. Schlafen kann ich dann aber doch nicht so schnell. Ich habe noch einen Ohrwurm…

Andreas

5 Gedanken zu “Live in Kolumbien

  1. meintoefftoeffumerle schreibt:

    Lieber Weltenstromer, es ist wunderschön wie Du die Menschen und die Situation beschreibst. Ich kann mit Dir gehen, mit Dir fühlen, mit erleben. Ich freue mich sehr Dir zu folgen. Genieße diese wunderbare Zeit, auch wenn es manchmal „regnet“.
    Herzlich Hilde

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  2. Karin schreibt:

    Toll wie schnell du Anschluss findest. Ich denke als Deutscher muss man bei vielen Lebenseinstellungen doch etwas entspannter werden, wenn man in solche Länder reist. 🙂

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